Die Idee des Vollbarthes

Das Konzept

Konzept von vollbarthes. ist es, ausgehend von einer Alltagsbeobachtung einen Gedankengang zu entwickeln, der diesem Beobachtungsgegenstand eine spezifische, momentane Bedeutung zuschreibt. Durch die literarische Umsetzung solcher Überlegungen soll die Vielfalt und Mehrschichtigkeit von Bedeutungszuschreibungen hervorgehoben, und starre Denkmuster infrage gestellt werden.

Wir veröffentlichen wöchentlich neue Texte, und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit diversen Autoren. Unser Anliegen ist eine multikulturelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit, die Beschränkungen abbaut, um neuen geistigen Raum zu schaffen.

Du möchtest Autor werden oder hast aus anderen Gründen Interesse an unserem Projekt? Dann freuen wir uns auf Kontakt unter vollbarthes@gmail.com.

 

 

Die Idee dahinter

Eigentlich ist alles ganz einfach. Und dann kommt die Bedeutung.
Manchmal generiert unsere Stimmung, unsere Erziehung, unsere Staats- und Wirtschaftsform, unsere Lesegewohnheit, oder unsere Alltagskommunikation wie von selbst Bedeutungen für bestimmte Situationen. Bedeutung ist dann etwas, das uns einfach passiert. Wir gröhlen dann, biegen uns vor lachen, wir wollen platzen, heulen die Wand an, wechseln Blicke mit Menschen die das auch so wahrnehmen, schlucken Klöße herunter, fühlen uns erschlagen oder berauscht und durchdrungen vom Gewicht dieser bedeutungstriefenden Empfindung. Wir fühlen tiefe Wichtigkeit und treffen daraufhin, diese zutiefst relevanten Dinge betreffende, fühlbar gewichtigen Entscheidungen. Andere Momente, die durch unser ansozialisiertes Bedeutungs-Raster hindurchfallen, lassen wir gelangweilt oder überholspurend links liegen; Sie bilden den grauen Brei, aus dem die bedeutungsvollen Momente hoheitsvoll emporragen. Manchmal stellt man nach dieser ungeduldigen Bedeutungsverteilerei auch fest, dass sie vorschnell, und vielleicht auch zufällig war. Etwa dann, wenn man erst rückwirkend die Punkte verbinden kann, die genau dieser kleinen Unbesonderheit von damals offenbar inzwischen eine ungewollte, neue Bedeutung gegeben haben, und man sich plötzlich fragen muss, ob man eigentlich mit einem Brett vor dem Tunnelblick herumgelaufen ist.

Bedeutung ist etwas zutiefst Sentimentales, und zugleich zutiefst berechnend. Ohne einer Sache die nötige Bedeutung und Relevanz zuzuschreiben, kann keine haltbare Diagnose entstehen. Jede Kalkulation basiert auf dem Wert Ihrer Faktoren. Wem es ein Anliegen ist, dass sowohl Alltagswissen als auch Wissenschaft faktisch, und kein aus der Luft gegriffenes Kunstmodell sind, kann Menschlichkeit in Wert-Fragen nicht ausklammern, und kommt an ihren Sentimentalitäten nicht vorbei.

Der Semiologe Roland Barthes entlarvt in seinem Buch „Mythen des Alltags“ die scheinbare Allmacht von statischen Bedeutungszuschreibungen. Einerseits macht er deutlich, dass jeder Situation, jedem Gegenstand, eine rhetorische Funktion innewohnt, und es nichts gibt, das frei ist von Bedeutung. Andererseits führt er vor, wie im gesellschaftlichen Alltag durch Konventionen flexible Bedeutungen zu festgesurrten Mythen werden, die schnell mit Wissen verwechselt werden. In diesem Festsurren von Bedeutung sieht Barthes den mythischen Trugschluss, dem er durch alternative Deutungsmöglichkeiten entgegenwirkt.

Anika Kaiser

logo-ausgeschnitten-vollbarthes-originalgrose

2 Gedanken zu “Die Idee des Vollbarthes

  1. Wenn man etwas überholspurend links liegen lässt, dann muss man wohl in England fahren. Oder man hat erkannt, dass der Straßenverkehrsordnung auch nur durch kollektive Anerkennung Bedeutung zugeschrieben wird, die zu akzeptieren man sich auch weigern kann. Man muss dann nur bereit sein die gesellschaftlichen, juristischen und natürlich materiellen Folgen inkauf zu nehmen 😉

    Peace among worlds
    Goigoi

    Gefällt mir

    1. Liebe/r Goigoi,

      danke für den Hinweis :‘-D. Wir in Tübingen fahren ja überhaupt sehr selten Auto und mit dem Fahrrad (oder barfuß) ist die Überholspurseite tatsächlich oft Ansichtssache. Manchmal dient ja lokale Sprache auch als Fluchtlinie gegenüber den Verallgemeinerungen homogener Sprachgebräuche, ich versteh das jetzt als meinen Beitrag zur „kleinen“ Sprache Tübingens, haha. Allerdings hast du natürlich Recht, inwiefern eine Deterritorialisierung der Straßenverkehrsordnung tatsächlich Sinn ergibt, ist schon ein bisschen fragwürdig. Vielleicht könnte man auch hier sagen, dass ihre Bedeutung mit der Geschwindigkeit wächst und sinkt, also zumindest nicht unflexibel ist. Das kommt mir jetzt aber doch auch ein bisschen konstruiert von mir vor. Mitunter dauert die Einsicht ein paar Sätze lang. Wir werden das ändern.

      Viele Grüße,
      Anibarthes

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s