Der Opferhirsch

In einem kleinen Waldstück nahe meines Hauses lebt ein großer Hirschbock. Sein Geweih ist fabelhaft groß, zeigt schillernd weiß in alle Richtungen wenn er den Kopf wendet, zerfetzt Luft und Zweige wenn er läuft. Nun sah ich dieses Tier eines Spazierganges am Rand des Waldstücks und war ehrerbietig hingerissen von seiner Erscheinung und Majestät. Sein schwarzes Fell fing meinen Blick, seine Augen beschauten mich bewusst und hell, er stand keine zehn Meter weit von mir entfernt, als er sich umdrehte und ging. Ich blickte ihm lange nach, vom Menschlichen her dazu verführt, ihm zu folgen, animalisch brennend dazu angehalten, mich nicht zu bewegen. In seinem Geweih hätte ich spielend Platz gefunden. Weiterlesen Der Opferhirsch

Kreidekrokodile?

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Ich beobachte gerne Menschen. Ich meine, es ist so, wenn ich Menschen beobachte, dann habe ich manchmal das Gefühl, losgelöst zu sein. Losgelöst von mir und meinen Problemen. Losgelöst von meinem Alltag und den dortigen Pflichten. Losgelöst und freischwebend im Raum. Es erscheint mir, wenn ich andere Menschen beobachte, dass ich selbst zu schwinden beginne. Mich aufzulösen, nach und nach. Ganz langsam, aber unaufhaltsam. Erst werden die Fingerspitzen unsichtbar, dann folgt die Nase und weiter geht es mit den Füßen, den Beinen und Armen, bis schließlich, schließlich nichts von mir übrig ist. Ich bin dann verschwunden, verschwunden und in der Betrachtung der anderen Menschen aufgegangen. Ihr Aussehen, ihre vermeintlichen Gedanken und Gefühle, ihre Haltungen und Gesichtsausdrücke scheinen sich auf meine Haut gebrannt zu haben wie Tattoos und diese scheinen mich zu verbrennen bis ich mich völlig auflöse. Weiterlesen Kreidekrokodile?

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„Riiing“. Es klingelt, ich bin verwundert, es ist Samstagmittag und ich erwarte niemanden. Ich liege auf der Couch und schaue irgendeine Folge irgendeiner Serie, was mich daran hindert, das zu tun was ich tun muss oder tun will. Die Kluft zwischen dem, was ich tun muss aber wirklich nicht will und dem, was ich will aber erst tun kann oder sollte, wenn ich das, was ich tun muss, erledigt habe, scheint mir so unüberwindbar, dass ich meine Tage wie gelähmt auf der Couch verbringe und meine Zeit damit totschlage weder das eine noch das andere zu machen. Ich bilde mir ein, ich muss erst, etwas von dem, was ich tun muss erledigen bevor ich mich mit etwas, dass ich tun will, belohnen kann. Der Schuss geht nach hinten los, denn dadurch erledige ich gar nichts und lasse die Tage ungenutzt an mir vorüberziehen.

„Riiing“. Es klingelt ein zweites Mal, Weiterlesen

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2017, voranschreitende Optimierung der Welt. Es ist eine ganze Weile her, seit der Elfenbeinturm in die Geschichte hinausgerufen hat, aber die Eulen flogen irgendwann mit Antworten beladen wieder ins Haus. Hinter dem Torwächter sitzt nun ein Marketingteam mit einem diversen Cast an PR-Spezialisten, die die Generationenmanifeste von so etwa zweieinhalbtausend Jahren Menschheit auswerten.

Die Stimmung ist ausgelassen, man trinkt Champagner und isst Schnittchen, es sind zwar eine ganze Menge Texte, aber der Algorithmus ist bereits aufgesetzt. Jetzt muss man die Nullen und Einsen nur noch rattern lassen, dann lässt sich das Fazit destillieren und hübsch aufbereiten. Weiterlesen

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Mehrere Eisen im Feuer haben, aber mal die Kirche im Dorf lassen und den goldenen Mittelweg gehen, so habe ich mir das vorgestellt, über Balance zu schreiben – aber es funktioniert nicht. Das geht schon los beim Vergleich mit der Waage, die wohl DAS Symbol schlechthin für Balance und Ausgleich ist: der Vergleich hinkt, leicht nekrophil, während Balance immer ein Wagnis, ein Abenteuer ist. Auch Heinrich von Kleist behandelt die Frage nach Balance und Grazie in seiner Erzählung „Über das Marionettentheater“. Sein Balanceideal ist die unreflektierte Hingabe an Naturgesetze. Der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther beklagt den Kapitalismus, weil er die Gehirne in unserer Gesellschaft darin behindert, gleichzeitig mit Anderen verbunden zu sein, und zu wachsen. Was passiert, wenn wir diese beiden Denkansätze miteinander kombinieren? Weiterlesen

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Immer, wenn ich während zu langer Busfahrten etwas zu pathetische Musik höre, entwickle ich das Gefühl, dass es den einen Gedanken geben muss, den ein jeder sofort unterschreiben würde und für den es sich blind zu kämpfen lohnt. Die Weltretter-Idee, das Generationenmanifest, das alle Sorgen und Probleme zusammenfasst, ihnen triftige und fundierte Lösungen entgegenbringt und uns allen den Weg in eine fantastische, Valencia-gefilterte Zukunft eröffnet. Weiterlesen

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Üüüüüüüüüd — (…) — Üüüüüüüüüd — (…) — Üüüüüüüüüd —

„Rot oder weiß?“, wird Lucy von der vertrauten Stimme am anderen Ende der Leitung begrüßt.

„Rot“, grüßt sie zurück.

„Du sagst ja IMMER rot.“

„Du bist nicht der weiße Typ. Du bist ein dunkelroter Portwein.“

Sie hört, wie sein Korken aus der Flasche ploppt. Weiterlesen

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Über Tübingen zu lernen ist im Grunde Zeitverschwendung. Jeder sieht das so, ob man es nun aussprechen mag oder nicht, die Stadt und die Universität mit dem Einzugsgebiet aller Dörfer im Umkreis von bis zu zwei Stunden Fahrzeit versprüht den Flair eines Provinzbahnhofs, irgendwo zwischen pitoreskem Postkartenmotiv oder mit zittriger Hand verfasster Go Vegan-Graffitibotschaft. Weiterlesen

Socken kaufen (1)

Strotzende Blättchen. Laubdach. Scheinen wohl vom Strahlenmeer gesehen zu werden. Ist sie hold sich Formen zu schaffen? Was hab ich denn getan? Tief in der Erde, ein Ruf aus der Dunkelheit: Weiter! Die Strahlen zeichnen es, das Prisma, wartend, dass Glas morsch werde. Die Bemühungen werden keine Früchte tragen, obgleich sie lieblich schmeckten. Unter Spannung wird das passierte Geschehen von allerleiher beäugt. Weiterlesen

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Aus der Reihe: Symptome eines verlorenen Gedankens

Im Nebenzimmer schreit ein Mann. Ich kenne nur seine Stimme. Er klingt beinahe vertraut. Währen sich meine voyeuristische Neigung zu Wort meldet, schlägt eine Zimmertüre zwei Mal auf und zu. Daraufhin, von mir unbekannten Bedürfnissen geleitet, betrete ich das Treppenhaus, den Gang davor, mit gedämpften Schritten über einen gewellten Teppich stolpernd, einen Hemdkragen verhallendem Geschrei vorauseilend, sehe ich ihn die Treppenflucht abtauchen. Im Flur, den ich entlangschleiche, entfaltet eine Nuance von Eisen in der Luft eine benebelnde Wirkung auf meine Sinne. Eine Miniatur von einem Mann, durchs Treppenhaus getrieben von, ich weiß nicht was, landet auf dem anschließenden Hof am Ende des letzten Absatzes der ausgetretenen Treppe ins Freie. Weiterlesen