Vielleicht waren die Böen in der Fremde einst die Böen daheim

Ein launischer Wind geht durch das Blätterdach, beschwingt das sich verfärbende Laub und weht die letzte Wärme des vergangenen Sommers davon. Über die letzten Tage gab es immer wieder Stürme und Regenschauern, aber dann wird es doch wieder so selbstverständlich sonnig, dass man es drinnen gar nicht mehr aushalten mag. Weiterlesen Vielleicht waren die Böen in der Fremde einst die Böen daheim

Momentaufnahme

Ich sitze in meinem Lieblingscafé und suche Halt am Henkel meiner Kaffeetasse. Abgeschirmt durch die dunklen Gläser meiner Sonnenbrille beobachte ich die Leute auf der Straße, das tagtägliche Kommen und Gehen, das zielgerichtete Hasten von einem Ort zum nächsten. Ich selbst: eine an einem Holztisch sitzende, in der Stagnation verharrende Gestalt. Ich nehme den kleinen Löffel von der Untertasse, rühre meinen Kaffee um, nehme einen Schluck. Schmeckt leicht verbrannt. Gut so. Ich spüre, wie die Nervosität von mir abfällt.

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Martin

Mit der letzten Pinselführung bettet sich eine braune Haarlocke auf die Leinwand. Das Porträt hat nun seine finale Form, ist zu einem Manet geworden. Die Kundin ist begeistert, schreit aufgeregt als sie die Reproduktion ihres Lieblingskünstlers betrachten darf. Sicherlich ist sie überzeugt, ihm einen Gefallen getan zu haben, seinem Werk und seiner Person, die ihr doch so vertraut ist und so viel Ähnlichkeit mit ihr zu haben scheint, einen großen Dienst erwiesen zu haben. Natürlich darf nur er ihre kleine, gelbe Küche schmücken. Ihn weiterhin fortbestehen zu lassen und die schwere Last seines Erbes zu tragen, ist sie aufopfernd bereit. Weiterlesen Martin

Namen im Sand

Er spürt die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht tanzen, hört das beruhigende Rauschen der Wellen, schmeckt die salzige Luft auf seinen Lippen. Mit geschlossenen Augen sitzt er am Strand, die Füße im Wasser, langsam wird seine Hose nass. Aber das macht nichts. Es ist ein warmer Sommermorgen. Die Nacht ist erst vor kurzem dem neuen Tag gewichen. Es ist einer dieser Momente absoluten Friedens. Das Leben hält nicht viele dieser Momente für uns bereit, deshalb ist es umso wichtiger sie voll auszukosten. Weiterlesen Namen im Sand

Institution

Ich war ein wenig von meiner Unsicherheit erschrocken. Zu bemerken, wie schwer es mir fällt, durch die Automatiktür des Wolkenkratzers mit der glänzenden, gläsernen Fassade zu gehen. Wie schwer mein Atem geworden war, wie wirr meine Gedanken. Ich schwitze, als ich mein Hemd unter dem Anzug zurechtzupfte und mein Blick hilflos durch das Rezeptionsfoyer streift. Hellblau. Die ganzen Armaturen, die Theke und die polierten Möbel leuchteten in futuristischem Hellblau oder in klinischem Weiß. Nur vereinzelte, mattschwarze Ledergarnituren brechen hier und da durch den Farbcode der Sitzbereiche und schaffen Akzente zwischen den komplett abgerundeten Formen und Flächen. Weiterlesen Institution

Wanderlust

Sie taumeln durch die Gassen,
betrunken von dem Gefühl von Freiheit.
Sie folgen ihrem eigenen Rhythmus,
der so viel schneller und eigenwilliger ist als der der Anderen.
Ihre Beine bewegen sich wie von selbst,
ihr Soundtrack dröhnt in ihren Köpfen,
alles durchdringend, ohrenbetäubend.
Sie tanzen nicht nach der Nase anderer, sondern
nur nach ihrer eigenen Musik. Weiterlesen Wanderlust

Manchmal finden sich zwei

Ich sehe Marcel vollkommen orientierungslos auf einem Marktplatz stehen. So orientierungslos, dass ich den Eindruck habe, er weiß nicht einmal auf welches Bein er sein Gewicht verlagern soll. Um ihn herum schlendern in kleinen Grüppchen Studenten in Flomarktoptik, stolzieren gewichtige Geschäftsleute mit schwingenden Aktenköffern, flanieren zaghaft beige Rentner und großäugige Einjährige taumeln auf ihre augenringbeladenen Eltern zu. Unbeholfen dreht sich Marcel erst nach links, wo ein pompöser Brunnen hoheitsvoll Wasser ins Wasser speit, und als ihm dazu nichts einfällt, wendet er sich nach rechts, wo Weiterlesen Manchmal finden sich zwei