Ein Streifen Paradies

“Gleis Drei, Vorsicht bei der Einfahrt.“ Der Zug rauscht heran, ein lautes Quietschen, ganz unvermittelt bleibt er stehen. Menschentrauben versammeln sich vor den Türen, ganz so, als würde das die Abfahrt beschleunigen, als würden sich die Türen schneller öffnen, als würden so die Menschen schneller aus dem Inneren des Zuges auf den geschäftigen Bahnhof strömen. Die Masse teilt sich, bildet eine schmale Gasse für die Aussteigenden. Weiterlesen Ein Streifen Paradies

Liebe Ferne

Hier bin ich wieder. Willkommen in der Heimat. Willkommen im Hier und Jetzt. Willkommen im real life. Unwirklich erscheint mir dieses Jahr auf Abwegen. Eigentlich wäre ich viel lieber bei Dir, bei Deinen ausgetretenen Gehsteigen, Deinem unverwechselbaren maghrebinischen Odeur, das Dir anheim liegt, Deinen Gesichtern, die durch die Menge huschen und meinen forschen Blick widerspiegeln. Bei Deinen unfreundlichen Backwarenverkäuferinnen, bei Deinen Warteschlangen, in denen sich niemand über ‚das Warten beschwert, bei Deinen niemals enden wollenden Nächten voller Lebenslust. Weiterlesen Liebe Ferne

Der Stöpsel

Verlegen sah ich mich im Hörsaal um, der nun, nachdem alle gegangen waren, unglaublich groß wirkte. Die Sonne lachte durch kleine Fenster herein, aber die Luft stand unbeweglich im Raum. Der Professor zog einen Notizblock aus der Tasche und  auch einen Kugelschreiber. Er malte ein Diagramm auf und gab es mir. Immer noch erstaunt angesichts des Problems, das er mir gerade geschildert hatte, begutachtete ich fachmännisch das Zubegutachtende: Deutlich war ein Gehörgang abgebildet, der mittig eine Trennung aufwies, sich gespalten in zwei entgegengesetzte Richtungen fortsetzte und jeder dieser zwei Gehörgänge in zwei formschöne Ohrmuscheln mündete. Weiterlesen Der Stöpsel

Auf Wiedersehen

Jedes lose Haar, dass beim Durchstreichen mit der Hand zwischen meinen Fingern seinen Halt verliert, spiegelt meine Kraftlosigkeit wider. Und jedes einzelne Haar fühlt sich wie Spott an. Wenn die Bürste Mal um Mal die Haare mitnimmt, die ich so gerne behielte und meine Haut Tag um Tag mehr Pergament statt Leben ähnelt, woher kann ich dann die Kraft nehmen, in den Spiegel zu schauen? Weiterlesen Auf Wiedersehen

Der Sturz der Vögel

Der Kies knirscht wie brechende Knochen. Trockenes, beständiges, beißendes Rauschen. Es knackt schmerzhaft in meinen Ohren. Ein Vogel setzt wie zum Hohn ein. Die meisten Leute beschreiben den Radau von Vögeln als Gesang, aber nein! Vögel singen nicht, sie schreien. Ich bin schon oft durch diesen Park gewandert und habe versucht, mich auf die große Kirchenglocke zu fokussieren, die im höchsten und mächtigsten Turm des Münsters, welches den Park brutal und unnachgiebig überblickt und bewacht, ihre eigene Wache hält. Weiterlesen Der Sturz der Vögel

Vielleicht waren die Böen in der Fremde einst die Böen daheim

Ein launischer Wind geht durch das Blätterdach, beschwingt das sich verfärbende Laub und weht die letzte Wärme des vergangenen Sommers davon. Über die letzten Tage gab es immer wieder Stürme und Regenschauern, aber dann wird es doch wieder so selbstverständlich sonnig, dass man es drinnen gar nicht mehr aushalten mag. Weiterlesen Vielleicht waren die Böen in der Fremde einst die Böen daheim

Momentaufnahme

Ich sitze in meinem Lieblingscafé und suche Halt am Henkel meiner Kaffeetasse. Abgeschirmt durch die dunklen Gläser meiner Sonnenbrille beobachte ich die Leute auf der Straße, das tagtägliche Kommen und Gehen, das zielgerichtete Hasten von einem Ort zum nächsten. Ich selbst: eine an einem Holztisch sitzende, in der Stagnation verharrende Gestalt. Ich nehme den kleinen Löffel von der Untertasse, rühre meinen Kaffee um, nehme einen Schluck. Schmeckt leicht verbrannt. Gut so. Ich spüre, wie die Nervosität von mir abfällt.

Weiterlesen Momentaufnahme