Der Sturz der Vögel

Der Kies knirscht wie brechende Knochen. Trockenes, beständiges, beißendes Rauschen. Es knackt schmerzhaft in meinen Ohren. Ein Vogel setzt wie zum Hohn ein. Die meisten Leute beschreiben den Radau von Vögeln als Gesang, aber nein! Vögel singen nicht, sie schreien. Ich bin schon oft durch diesen Park gewandert und habe versucht, mich auf die große Kirchenglocke zu fokussieren, die im höchsten und mächtigsten Turm des Münsters, welches den Park brutal und unnachgiebig überblickt und bewacht, ihre eigene Wache hält. Weiterlesen Der Sturz der Vögel

Martin

Mit der letzten Pinselführung bettet sich eine braune Haarlocke auf die Leinwand. Das Porträt hat nun seine finale Form, ist zu einem Manet geworden. Die Kundin ist begeistert, schreit aufgeregt als sie die Reproduktion ihres Lieblingskünstlers betrachten darf. Sicherlich ist sie überzeugt, ihm einen Gefallen getan zu haben, seinem Werk und seiner Person, die ihr doch so vertraut ist und so viel Ähnlichkeit mit ihr zu haben scheint, einen großen Dienst erwiesen zu haben. Natürlich darf nur er ihre kleine, gelbe Küche schmücken. Ihn weiterhin fortbestehen zu lassen und die schwere Last seines Erbes zu tragen, ist sie aufopfernd bereit. Weiterlesen Martin

Der Opferhirsch

In einem kleinen Waldstück nahe meines Hauses lebt ein großer Hirschbock. Sein Geweih ist fabelhaft groß, zeigt schillernd weiß in alle Richtungen wenn er den Kopf wendet, zerfetzt Luft und Zweige wenn er läuft. Nun sah ich dieses Tier eines Spazierganges am Rand des Waldstücks und war ehrerbietig hingerissen von seiner Erscheinung und Majestät. Sein schwarzes Fell fing meinen Blick, seine Augen beschauten mich bewusst und hell, er stand keine zehn Meter weit von mir entfernt, als er sich umdrehte und ging. Ich blickte ihm lange nach, vom Menschlichen her dazu verführt, ihm zu folgen, animalisch brennend dazu angehalten, mich nicht zu bewegen. In seinem Geweih hätte ich spielend Platz gefunden. Weiterlesen Der Opferhirsch

Socken kaufen (1)

Aus der Reihe: Symptome eines verlorenen Gedankens

Im Nebenzimmer schreit ein Mann. Ich kenne nur seine Stimme. Er klingt beinahe vertraut. Währen sich meine voyeuristische Neigung zu Wort meldet, schlägt eine Zimmertüre zwei Mal auf und zu. Daraufhin, von mir unbekannten Bedürfnissen geleitet, betrete ich das Treppenhaus, den Gang davor, mit gedämpften Schritten über einen gewellten Teppich stolpernd, einen Hemdkragen verhallendem Geschrei vorauseilend, sehe ich ihn die Treppenflucht abtauchen. Im Flur, den ich entlangschleiche, entfaltet eine Nuance von Eisen in der Luft eine benebelnde Wirkung auf meine Sinne. Eine Miniatur von einem Mann, durchs Treppenhaus getrieben von, ich weiß nicht was, landet auf dem anschließenden Hof am Ende des letzten Absatzes der ausgetretenen Treppe ins Freie. Weiterlesen

Titelbild Schwindel rückwärts

Aus der Reihe: „Symptome eines verlorenen Gedankens“

Die Augen doch sehr überrascht, etwas erstaunt, vor allem wütend aufgerissen –  so vermute ich jedenfalls – betrachte ich meinen aufgebrachten Freund. Meine eigene Empörung in Gesicht und Augen strömt ein unangenehm riechender Schwall an Vorwürfen und ärgerlicherweise recht kohärenten Ausführungen meines Fehlverhaltens aus Freundes Schlund in meine Richtung. Ich bin genau so verwirrt, wie die orientierungslos schwingende Lampe an der Zimmerdecke, die, mal mich, mal den auf dem Bett sitzenden Antagonisten beleuchtet. Während ich überlege, ob ihre Bewegung wohl zu berechnen wäre, kippt das lichtgescheckte Umfeld um seine Achse und damit das Zimmer ins Schwarze. Weiterlesen

Titelbild kreisförmiges Ungleichgewicht

„Kreisförmiges Ungleichgewicht: Versuch eines Leitfadens

Nun der Gedanke klingt einleuchtend: Befreiung von der Systematik, damit von der Zeit, von gewissermaßen antizipiertem Leben, das, festgelegt im lernen, uns ab und an sogar bewusst zu sein scheint. Ein Leben aus dem existenzialistischen Bedürfnis heraus.
Zweitens: Gedanken sind Systematik, festgelegter Ablauf. Bewusste Gedanken sind starrer Ablauf und zwangsläufig Wiederholung.
Drittens: Systematik mit selbiger widerlegen. Weiterlesen

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Ein Wissenschaftler proklamiert seine Thesen vor nüchterner Gesellschaft:
„Nun gibt es gewisse Menschen, die ihrer Natur und Einstellung gemäß, der Realität einen festgelegten Raum, eine Art Spielwiese zuweisen, welche nach ihrer Beschaffenheit sehr groß und komplex, vielleicht auch gut durchdacht sein mag, die aber nicht umhin kann, ihre Grenzen ab und an zur Schau zu stellen. Ein solcher Mensch weist, falls es ihm nötig erscheint, die Realität in ihre Schranken, teilt sie in klar abgegrenzte Bereiche ein und ist sich in manchen Fällen nicht zu schade, gewisse, man nenne sie „Realitätsbereiche“ zu ignorieren oder gar zu verleugnen. Nun könnte man argumentieren, dass ein solcher Umgang mit dem Konzept Realität ihr möglicherweise nicht gerecht wird, aber sinnvoll und notwendig ist, um Ordnung in den Gegenstand Leben zu bringen, um in gewisser Hinsicht ein geistiges Gleichgewicht zu wahren. Diese Auffassung Weiterlesen

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Heute Morgen wurde ich erschüttert. Ich, der ich mich immer als Humanist, Tierfreund und Philanthroph zu sehen glaubte, musste beim Aufschlagen einer philosophischen Lektüre feststellen, dass eine Fliege wohl ihr Leben zwischen den bedruckten Seiten ausgehaucht hatte. Eine Unbedachtheit ihrerseits, sich zwischen den Seiten zweifelnder Literatur aufzuhalten. Sie hätte damit rechnen können. Sie wurde buchstäblich erdrückt. Selbstverständlich, dachte ich mir, war es nicht das Wissen selbst, das sie ihre Freiheit kostete, als vielmehr eine Version, ein Träger des Wissens: Tintenbesprenkeltes Holz.
Nun, ich wischte sie beiseite, bemerkte jedoch zu meinem großen Ärgernis, dass ein Fleck zurückgeblieben war. Angewidert und erschreckt ging ich in die Buchhandlung. Wer könnte denn so etwas noch genussvoll lesen? Ja, wer hätte gedacht, dass eine Fliege ein Buch aufwiegt?

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Autor: J.H.Z.

Beobachtung: Eine Stubenfliege in Kants „Kritik der reinen Vernunft“