Der blinde Henker

Ohrenbetäubende Stille breitete sich zwischen Valerji und seinem blinden Henker aus. Gefühlte Ewigkeiten zuvor war der junge Hauptmann, bis auf das Unterhemd entkleidet, von einem hageren Gefreiten vor die vergilbte Mauer des Außenpostens geführt worden. Bis auf die immerzu betrunkenen Torwächter, sowie die Köche, die sich in diesem Augenblick vermutlich in täglich stumpfer Routine beim Versuch hunderte gefrorene Kartoffeln zu schälen die Finger aufschlitzten, war das gesamte Lager an diesem gleißenden Vormittag am Waldrand versammelt. Schüchtern, als wären sie ungeladene Gäste, segelten hier und da Schneeflocken auf die grünbraunen Kappen der Soldaten nieder, wie um sich einen guten Platz für das bevorstehende Schauspiel zu sichern. „Der blinde Henker“ Weiterlesen

Liebe Ferne

Hier bin ich wieder. Willkommen in der Heimat. Willkommen im Hier und Jetzt. Willkommen im real life. Unwirklich erscheint mir dieses Jahr auf Abwegen. Eigentlich wäre ich viel lieber bei Dir, bei Deinen ausgetretenen Gehsteigen, Deinem unverwechselbaren maghrebinischen Odeur, das Dir anheim liegt, Deinen Gesichtern, die durch die Menge huschen und meinen forschen Blick widerspiegeln. Bei Deinen unfreundlichen Backwarenverkäuferinnen, bei Deinen Warteschlangen, in denen sich niemand über ‚das Warten beschwert, bei Deinen niemals enden wollenden Nächten voller Lebenslust. „Liebe Ferne“ Weiterlesen

Kreidekrokodile?

Titelbilder (6)

Ich beobachte gerne Menschen. Ich meine, es ist so, wenn ich Menschen beobachte, dann habe ich manchmal das Gefühl, losgelöst zu sein. Losgelöst von mir und meinen Problemen. Losgelöst von meinem Alltag und den dortigen Pflichten. Losgelöst und freischwebend im Raum. Es erscheint mir, wenn ich andere Menschen beobachte, dass ich selbst zu schwinden beginne. Mich aufzulösen, nach und nach. Ganz langsam, aber unaufhaltsam. Erst werden die Fingerspitzen unsichtbar, dann folgt die Nase und weiter geht es mit den Füßen, den Beinen und Armen, bis schließlich, schließlich nichts von mir übrig ist. Ich bin dann verschwunden, verschwunden und in der Betrachtung der anderen Menschen aufgegangen. Ihr Aussehen, ihre vermeintlichen Gedanken und Gefühle, ihre Haltungen und Gesichtsausdrücke scheinen sich auf meine Haut gebrannt zu haben wie Tattoos und diese scheinen mich zu verbrennen bis ich mich völlig auflöse. „Kreidekrokodile?“ Weiterlesen

Socken kaufen (1)

Strotzende Blättchen. Laubdach. Scheinen wohl vom Strahlenmeer gesehen zu werden. Ist sie hold sich Formen zu schaffen? Was hab ich denn getan? Tief in der Erde, ein Ruf aus der Dunkelheit: Weiter! Die Strahlen zeichnen es, das Prisma, wartend, dass Glas morsch werde. Die Bemühungen werden keine Früchte tragen, obgleich sie lieblich schmeckten. Unter Spannung wird das passierte Geschehen von allerleiher beäugt. „“ Weiterlesen

missverstandnis

Der Schlagring drapierte, war Schmuck. Und er schwang den seltsamen Klunker so gleichgültig durch die Luft, als die Worte kullerten, dass man irgendwie vermutete, er sorgte sich nicht mehr um Alltagskram und wüsste immer, wovon er sprach. Zwischen dem einen oder anderen Satz, dem ein oder anderen trüben Blick, luden seine Augen nämlich in eine Tiefe ein, deren Anziehungskraft jeder auf den Leim ging. Man stelle es sich wie eine Attraktion vor, die im Vorbeigehen bemerkt wird und ausnahmslos jeden stehen bleiben lässt. So war er – unersättlich sog er die Aufmerksamkeit aller auf. „“ Weiterlesen

4

Mit suchendem Gefinger und Durst durchdrungenen Blicks heftete die junge Frau sich an den jungen Mann. Froh und erquickt, endlich da zu sein, zierte ein Lächeln ihren Kopf. Er werde da sein, für sie allein, für ihr Dasein ganz allein… Das hieß es doch, angekommen zu sein: Gefahr laufen, des Andern lebenden, pochenden Körper zu verschlingen, derart, dass sich jede Pore paart vor Angst. Knochen keilten sich ineinander, die schwitzende Haut schmatzte ein lüsternes Lied, man tropfte und triefte und schnaubte und schniefte.

Als Durst wie Tastdrang jedoch nur seicht befriedigt schienen, höhlten diese die Frau nur mehr aus. Ihr Gesicht verknitterte sich daraufhin finster; „“ Weiterlesen