Der Stöpsel

Verlegen sah ich mich im Hörsaal um, der nun, nachdem alle gegangen waren, unglaublich groß wirkte. Die Sonne lachte durch kleine Fenster herein, aber die Luft stand unbeweglich im Raum. Der Professor zog einen Notizblock aus der Tasche und  auch einen Kugelschreiber. Er malte ein Diagramm auf und gab es mir. Immer noch erstaunt angesichts des Problems, das er mir gerade geschildert hatte, begutachtete ich fachmännisch das Zubegutachtende: Deutlich war ein Gehörgang abgebildet, der mittig eine Trennung aufwies, sich gespalten in zwei entgegengesetzte Richtungen fortsetzte und jeder dieser zwei Gehörgänge in zwei formschöne Ohrmuscheln mündete. „Der Stöpsel“ Weiterlesen

Manchmal finden sich zwei

Ich sehe Marcel vollkommen orientierungslos auf einem Marktplatz stehen. So orientierungslos, dass ich den Eindruck habe, er weiß nicht einmal auf welches Bein er sein Gewicht verlagern soll. Um ihn herum schlendern in kleinen Grüppchen Studenten in Flomarktoptik, stolzieren gewichtige Geschäftsleute mit schwingenden Aktenköffern, flanieren zaghaft beige Rentner und großäugige Einjährige taumeln auf ihre augenringbeladenen Eltern zu. Unbeholfen dreht sich Marcel erst nach links, wo ein pompöser Brunnen hoheitsvoll Wasser ins Wasser speit, und als ihm dazu nichts einfällt, wendet er sich nach rechts, wo „Manchmal finden sich zwei“ Weiterlesen

Titelbilder

Mehrere Eisen im Feuer haben, aber mal die Kirche im Dorf lassen und den goldenen Mittelweg gehen, so habe ich mir das vorgestellt, über Balance zu schreiben – aber es funktioniert nicht. Das geht schon los beim Vergleich mit der Waage, die wohl DAS Symbol schlechthin für Balance und Ausgleich ist: der Vergleich hinkt, leicht nekrophil, während Balance immer ein Wagnis, ein Abenteuer ist. Auch Heinrich von Kleist behandelt die Frage nach Balance und Grazie in seiner Erzählung „Über das Marionettentheater“. Sein Balanceideal ist die unreflektierte Hingabe an Naturgesetze. Der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther beklagt den Kapitalismus, weil er die Gehirne in unserer Gesellschaft darin behindert, gleichzeitig mit Anderen verbunden zu sein, und zu wachsen. Was passiert, wenn wir diese beiden Denkansätze miteinander kombinieren? „“ Weiterlesen

Socken kaufen (3)

Üüüüüüüüüd — (…) — Üüüüüüüüüd — (…) — Üüüüüüüüüd —

„Rot oder weiß?“, wird Lucy von der vertrauten Stimme am anderen Ende der Leitung begrüßt.

„Rot“, grüßt sie zurück.

„Du sagst ja IMMER rot.“

„Du bist nicht der weiße Typ. Du bist ein dunkelroter Portwein.“

Sie hört, wie sein Korken aus der Flasche ploppt. „“ Weiterlesen

Socken kaufen (1)

Es ist schon spät. Normalerweise dämpft der hochflorige Teppich in der Hotellobby das Klacken der Absätze. Es muss wohl ein psychologischer Trick sein, dass mit einer gewissen Gedämpftheit der Schritte, meist auch die Gespräche der Gäste mehr vornehmes Raunen, als lautes Ausgebärden sind. Die Lautstärke der Schritte reguliert die Lautstärke der Gespräche, wie ein Radio, das man leiser stellt. – Aber Sophies Schritte lassen sich nicht leiser stellen. Hoheitsvoll und, nun ja, ein bisschen kaputt sieht sie aus, als sie durch die luxuriöse Eingangshalle schreitet. Aber kaputt auf eine erhabene Art. In vehementer Gleichförmigkeit klacken ihre Absätze im Takt ihrer persönlichen Revolution. Klack. Klack. Klack. „“ Weiterlesen

Socken kaufen

Abgehetzt liegt Markus auf dem Bett. Sein Atem geht noch etwas schneller, weil er die Treppen hochgerannt ist, über seiner Oberlippe hat sich ein bisschen Schweiß gebildet.

Das ist der Schweiß der Tage, denkt er.

Seit seinen Teenagerjahren bildet sich dort Schweiß, vom kleinsten bisschen Rennen, und auch manchmal ohne Rennen; einfach nur von schwierigen Gedanken, und vom Erleben dessen, was das Leben so hergibt. Er atmet drei mal tief durch und starrt an die rauchvergilbte Decke.

…Eine seltsames Phänomen, allein zu Haus Treppen hochzurennen. Viele Leute machen das. Wo doch niemand da ist, der striezt und hetzt, und es eigentlich keinen Grund gibt, zur Eile. Wenn man zu Hause ist, dann ist es eigentlich vorbei mit der Eile. Eilige Sachen werden woanders gemacht. Außer: man will eilig woanders hin. Oder: Man hat Eile von anderswo mitgebracht. Aber zu Hause sein an sich macht erst mal keine Eile. Zu Hause sein will nichts von einem, zu Hause sein ist ziemlich lässig… „“ Weiterlesen

Merry Christmas (2)

Kinderquietschen, Altherrengeraune, Bäumerascheln; ich sitze auf meiner Parkbank.
In der Ferne sehe ich Phil, meinen 5-Jährigen, er stopft sich Gänseblümchen ins Ohr. Als er sieht, dass ich gucke, ruft er „Schau! Schau mal, Mama, wie viele da reinpassen!“. Ich denke „unmöglich…“, finde es aber irgendwie gut, muss kurz schmunzeln, und gucke weiter.

Da drüben: Alte Männer, die Boccia spielen. Einer zielt, mit konzentrierter Zunge im Mundwinkel, die anderen sehen tief in den Wurfprozess versunken zu. Der Alte wirft, die stille Spannung mündet in ein OOOUUUUHHH, daraufhin grummelnde Analyse der Balllage, und wieder auf Anfang. Ich schließe die Augen und lausche den Wellen der Bocciageräusche.
Stille – OOOUUUUHHH – Grummeln – Stille – OUUUUHHH – Grummeln – Stille – OOOUUUUHHH – … „“ Weiterlesen

Marda (5)

Peter sieht sehr beige aus. Er hat ein aufgedunsenes Gesicht.
Er sitzt in einer schummrigen 0-8-15-Kneipe, vor 15 Minuten hat er sich ein Bier bestellt, aber es ist noch nicht da. Ungeduldig trommelt er mit seinen Fingerspitzen auf die klebrige Tischplatte. Peter konsumiert gerade nicht, und ohne diesen Zusammenhang zu bemerken, macht ihn das unruhig. Seit Jahren nimmt Peter zu. Und Peter nimmt auch viel auf, aber teil nimmt er nicht, und schon überhaupt nicht Anteil.

…Das hat damit zu tun, dass alle Schnösel sind. Und Besserwisser. Und AfD-Wähler, und Gutmenschen, und Choleriker, und Verheiratete. Und sowieso sehen immer alle so angestrengt aus. Da drüben sitzen sie, der ganze Stammtisch ist da… „“ Weiterlesen

Marda.png

Björn saß guckend und blinzelnd am Küchentisch, und betrachtete die gewohnte Umgebung. Seine Brille saß leicht schief, und es war nicht eindeutig zu ersehen, ob sich dieser Zustand seiner ungleichmäßigen, knöchrigen Nase, oder den unterschiedlich hohen Ohren verdankte. Auch sein dünnes, hellblondes Haar machte seltsame Anstalten. Allzu oft drückte es sich so schwunglos an seinen Kopf, dass dieser ziemlich platt wirkte. Diesem Zustand versuche Björn dann entgegenzuwirken, indem er mit der Hand hindurchfuhr. Das Resultat war jedoch stets nicht einmal halb so verrucht, wie beabsichtigt, und es standen nach dieser Geste nur etwa 2 oder 3 Strähnen in eine unrechtmäßige Richtung gestreckt vom Kopf ab, während der Rest wieder in seine gewohnt platte Position zurücksank.

Björns Blick blieb an der Obstschale hängen, Bananen lagen darin, kolumbianische. „“ Weiterlesen