Damals ist nicht wie heute

Ein Blick durch das trübe Fenster verrät, dass die Zeit des Jahres gekommen ist, in der sich zwischen Jacken und Mänteln,  Schals und Stiefeln noch kurze Hosen und T-Shirts tummeln; also irgendwo zwischen “es ist zwar schon Herbst” und der letzten Chance, sich einen gebräunten Teint  einzufangen, den man gerne gehabt hätte – wenn man denn in den Urlaub gefahren wäre.

Ich ziehe die Ärmel meines Pullis herunter, weil mir doch etwas kalt wird, und nehme die heiße Tasse Kaffee zwischen meine Hände, jedoch ohne einen Schluck zu nehmen. Du lehnst dich in deinen Stuhl zurück, trinkst den letzten Rest aus deiner Tasse aus und lächelst mich an. Das warme Gefühl zwischen meinen Händen breitet sich nun unmittelbar in meiner Brust aus und wird verstärkt durch den Schluck, den ich jetzt endlich zu mir nehme. Während die warme Tasse noch eine Weile an meinen kühlen Lippen verweilt, breitet sich in meinem Kopf eine imaginäre Geräuschkulisse aus, die trotz ihrer Lautstärke zwar auf die Nerven, aber nicht auf die Ohren drückt. Denn meine Ohren gehören ganz dir, während du von deinem Tag erzählst und ich dabei die vorübergehenden Passanten durch das Fenster beobachte. Hinter uns brummt die Kühltheke und das Hämmern des Siebträgers lässt mich für eine Sekunde zusammenfahren. Der Geruch von frisch gemahlenem und gebrühtem Kaffee weht zu uns rüber, als ein weiterer Kunde durch die Tür ins Café tritt und die kühle Luft von Draußen herein zieht.

Es ist unser erstes Treffen bei einem ersten gemeinsamen Kaffee, welches von einem gehemmten Schweigen unterbrochen wird, als uns unser erstes Gesprächsthema ausgeht. Einschüchternd war es damals, ganz anders als heute. Genau wie damals streckst du deinen rechten Arm über den Tisch, doch diesmal greifst du nach meiner Hand, nicht zum Smartphone. Genau wie damals beginnst du von deinem Tag zu erzählen, nur dass er jetzt noch nicht passiert ist, sondern sich der Planung eines gemeinsamen Vorhabens unterzieht. Genau wie damals hängt der Duft von einer wechselnden Jahreszeit und einer Tasse Kaffee in der Luft, die wir inzwischen in jeder Jahreszeit zu uns genommen haben.

Damals schmeckte er nach einem beklemmenden Treffen, das mit einem schüchternen „Also, bis dann mal…“ endete. Heute schmeckt er nach einem Gestern und einem Morgen, einem Morgen der mit einem Kuss und einem „Bis später“ sich einem weiteren Tag zuwendet, der schon in ein paar Stunden zu einem gemeinsamen Abend und einer gemeinsamen Nacht wird.

Bis es wieder Morgen ist.

Annabelle rund

Autor*in: Annabel Chiara Kempf

Beobachtung: Mein Freund beim gemeinsamen Frühstück


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