Der blinde Henker

Ohrenbetäubende Stille breitete sich zwischen Valerji und seinem blinden Henker aus. Gefühlte Ewigkeiten zuvor war der junge Hauptmann, bis auf das Unterhemd entkleidet, von einem hageren Gefreiten vor die vergilbte Mauer des Außenpostens geführt worden. Bis auf die immerzu betrunkenen Torwächter, sowie die Köche, die sich in diesem Augenblick vermutlich in täglich stumpfer Routine beim Versuch hunderte gefrorene Kartoffeln zu schälen die Finger aufschlitzten, war das gesamte Lager an diesem gleißenden Vormittag am Waldrand versammelt. Schüchtern, als wären sie ungeladene Gäste, segelten hier und da Schneeflocken auf die grünbraunen Kappen der Soldaten nieder, wie um sich einen guten Platz für das bevorstehende Schauspiel zu sichern. Nicht die bittere Kälte unter seinen nackten Fußsohlen machte Valerji zu schaffen, vielmehr waren es die eisigen Blicke seiner Kameraden, unentwegt auf sein klägliches Antlitz stierend. Nachdem er mit dem Rücken zur Wand zwischen gefrorenen Menschenteilen seinen Platz auf der Bühne angenommen hatte, wurde der Vorhang für den letzten Akt gehoben. Oberst Safarov persönlich setzte sich langsam von der Menge ab, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, begleitet von seinem bulligen mongolischen Assistenten und Leibwächter, und schritt gelassen auf seinen Untergebenen zu. Wortlos reichte er Valerji eine gedrehte Machorka, die der Hauptmann sich selbst anzünden durfte, er war schließlich nicht einmal gefesselt; einen letzten Funken Würde hatte man ihm doch noch zugesprochen. Zwar spürte er die Kälte schon lange nicht mehr, jedoch brauchte er drei Streichhölzer um seine Zigarette endlich mit zitternden Händen in Brand zu stecken. Regungslos, mit großväterlichem Lächeln, ohne den geringsten Anschein, in Eile zu sein, beobachtete Safarov den jungen Mann bei seinem kläglichen Unterfangen, bis auch er sich schließlich eine Zigarette anzündete. Wie auf ein Kommando griffen ausnahmslos alle Soldaten in ihre Taschen und rauchten; zuletzt der Blinde, der sich nur auf das kollektive Zischen der Streichhölzer seiner Kameraden verlassen konnte. Peinlich, dachte sich Valerij, alles Patrioten, aber am Ende rauchen sie doch Lucky Strike und Gauloises.

Wie Nebel im Morgengrauen drängte sich die Rauchwolke langsam, geisterhaft zwischen die umliegenden Bäume, sodass das Sonnenlicht gänzlich in tausendfacher Art Form erlangte, inmitten der Versammelten kindlich Glanz und Elend verschmelzen ließ, nur um alsbald wieder im dichten Schatten des Waldes unterzugehen, sobald einer nach dem anderen seinen Zigarettenstummel mit den Dreck- und Blutbefleckten Stiefeln austrat. Als versuche sich Safarov an einen Kinderreim aus längst vergessenen Zeiten zu erinnern, starrte er einige Augenblicke mit gerunzelter Stirn in Richtung Horizont, doch kopfschüttelnd wandte er sich wieder dem Hauptmann zu. Lediglich ein verirrter Singschwan durchbrach mit seinem Krächzen die Momente der Stille, in denen sich die Männer ansahen. Valerji bemerkte erstmals die tiefen Furchen im Gesicht seines Gegenübers; die vielen, langen Winter hatten ihn merklich altern lassen. Der Oberst wusste nur zu gut, dass er den Jungen leben lassen könnte, wenn er nur wollte, er hatte kaum etwas zu verlieren. Im Gefangenenlager war die Situation nur wenig schlimmer, als in dieser Einöde. Kaum einer der Soldaten hatte den Krieg mit eigenen Augen miterlebt, aber dennoch wünschten sich alle sein Ende, zumindest an der Westfront, mehr wollten sie gar nicht. Einen letzten Winter würden sie noch durchstehen, noch diesen einen Winter 1943, sonst würden sie nicht mehr nach Hause zurückkehren.

Trocken streckte Safarov seine Rechte für einen Handschlag aus, während er seine Linke auf Valerjis Schulter legte. Der Hauptmann hatte das Gefühl, die Hände unter den Lederhandschuhen bestünden aus glühenden Kohlen und er hatte Mühe, keinen Laut von sich zu geben. Zum Schluss ein Salut, nicht jedoch von Valerij, ihn hatte der Frost endgültig gelähmt. Schweigend drehte der Alte um und marschierte, gefolgt von seinem ebenso stummen Wächter, in Richtung der Menge. Währenddessen begann der Blinde sein Gewehr zu entsichern, eine deutsche Karabiner 98, es sollte wahrlich kein ehrenvoller Tod werden. Obgleich er sein Augenlicht vor Jahren eingebüßt hatte, traf er jedes Mal. Was nicht bedeutete, dass er mit dem ersten Schuss tötete, trotzdem reichte bisher immer ein Magazin aus. Es war fast, als könne er seine Ziele riechen, in einem tiefen, sehnsüchtigen Verlangen nach warmem, toten Fleisch.

Hunderte Augenpaare einer längst vergessenen Terrakotta Armee waren nun auf den Hauptmann gerichtet, eine ohrenbetäubende Stille breitete sich zwischen Valerji und seinem binden Henker aus. Es war ein guter Tag: eine Kugel für einen toten Soldaten.

Wenig beeindruckt trotteten die Überlebenden, ohne ein Wort zu sprechen, in Richtung des Lagers. Bald würden sie zu Mittag essen. Kartoffeln, wie jeden Tag. Lediglich Safarov blieb zurück, selbst seinen Mongolen hatte er entlassen.

Bis zum tiefen Abendrot stand er da, abwechselnd rauchend, die Arme verschränkend, seinen Schnurrbart zwirbelnd, einzelne Tränen vergießend. “Noch diesen einen Winter”, dachte er. Seufzend rückte er seine Kappe zurecht und murmelte: “До следующей встречи, мой сын…”

lukas

Autor: Lukas Preiss

Beobachtung: Die Figur Gluttony aus dem Manga Fullmetal Alchemist


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