Ein Abend in der Küche

Der Boden vibriert und ich blicke boshaft in des Würfels Angesicht.
„Kannst du jetzt mal Ruhe geben?!“
Monoton verhöhnt mich die Geschirrspülmaschine, ein Klirren stimmt ein und ich mache mir Sorgen um meine Lieblingstasse. Von Hitze umschwirrt, von brodelnden Tropfen getroffen, verabschiedet sie sich von den letzten Resten getrockneten Tees, hängt sie ganz schwach im Gitter und ergibt sich letztlich der Unbarmherzigkeit der Prozedur.

Ein Surren unterbricht meine Gedanken und mein boshafter Blick trifft mit Wucht den erhabenen Weißen.
„Kannst du jetzt mal Ruhe geben?!“
Wie eine Grille, die ihr Lied nicht kennt, in der Prädestination des Daseins womöglich nie erlernen durfte, umschließt der Kühlschrank sein Innenleben mit eisiger Hand und ich überlege, ob der Rhabarbersaft richtig zugeschraubt ist. Liegend, klebend, sich windend in der Umarmung der Glasplatte, ergießt sich voller Beharrlichkeit – Tropfen um Tropfen um Tropfen – der glitzernde Saft und will frieren, bis er plötzlich merkt, dass es heute nicht kalt genug ist.

Dumpf und fies und fordernd kriecht mir verdorbene Luft in die Nase und mit überwältigendem Ingrimm schleudere ich der schwarzen Unendlichkeit meinen Unmut entgegen.
„Kannst du jetzt mal Ruhe geben?!“
Olfaktorisch kichernd richtet der Ofen den Feierabend zu Grunde. Mit seinen schwarzen Hügeln und Tälern und Bergspitzen aus Resten von Festmahlzeiten führt er uns vor Augen, dass keine Mahlzeit so sehr geliebt, so wertvoll gehandelt werden kann wie eines wahren Freundes Seele. Trotzdem geben wir auf gegen die unverantwortliche Hitze, die unseren Kindern die neugierigen Pfoten verbrennt.

Lauter und lauter und plötzlich leise werdend, in einem Rauschen untergehend, ein Wellenberg, empöre ich mich in Raserei gegenüber dem Versuch, die Einsamkeit zu besiegen.
„Kannst du jetzt mal Ruhe geben?!“
Mit harmloser Hüftbewegung, einem sich im Zuge des Windes kräuselnden Haar oder gar dem sich krümmenden Finger auf der schmutzigen Tischplatte, versiegt das niedliche Radio und schwillt dann zu ungeahnter Größe heran. Die Makel können nicht behoben werden und so werden die Klänge dereinst mit einem Flackern vergehen. Bis dahin biegt und bricht es lautstark aus seinem zerstörten Körper und so auch die Gedanken. Keiner Sequenz kann ich folgen im Bann der Belanglosigkeit, die zugeschaltet wird, wenn man Angst vor dem eigenen Überlegen, dem eigenen Überlegen Sein hat.

Wutentbrannt, stapfend, so blau wie Zorn und mit stochernden Fingerspitzen, begreife ich mich an der Wand entlang in die Richtung, in welcher ich Erlösung hoffe – mich abwendend vom Hohn der verwelkenden Blumen und der pollengelben Fensterscheibe. Blind vor Verdrossenheit bricht das Licht auf mein Geheiß hin zusammen, voller Sehnsucht schlagend, gibt die Tür unter meiner wütenden Hemmungslosigkeit nach und fällt ins Schloß. Ich ziehe meiner Müdigkeit den Deckmantel der Dissonanz aus.

Es ist Zeit, ins Bett zu gehen.

autorenfoto conny unterm text

Autor: Conny M. Albrecht

Beobachtung: Das Brummen von Küchengeräten


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