Inferno in Pastell

In der Kantine vermischen sich die Abteilungen und Stockwerke. Die Menschen sind formloser, verlieren den starren und professionellen Blick, stehen in kleinen Grüppchen und warten auf freie Tische, während sie sich bemüht mit ihren Schreibtisch-Kopiloten unterhalten. Mich haben sie an die Wand gesetzt, unter dem Logo, das wie das Kreuz des Südens über den weiten und ausgiebigen Hallen prangt. Neben mir haben ein neu eingestellter Print-Korrespondent und der armenischen Hausmeister Platz genommen, wir essen Limetten-Tofu mit Quinoa und spanischem Wirsing aus Hundeschalen. Hätten wir gewollt, hätte man uns auch vollmundigen Weißwein in einem Aschenbecher serviert. Zwischen den Bissen kaue ich Sonnenblumenkerne, um den Geschmack zu vertreiben. Der Raum leuchtet in Pastellfarben.

Der Hausmeister – sein Name ist Jim – stupst mich an und deutet auf den nächsten Tisch. Dort sitzt ein Mann mit weißem Rauschebart und gestikuliert wild. Spitzt man die Ohren ein wenig, kann man ihn auch gut verstehen. „Die Jugend von heute, ja, die weiß doch gar nicht mehr, was rechte Arbeit ist“, sagt er. Ein anderer, mit stattlichem Schnauzer nickt anerkennend und antwortet beschwörend: „So ist es, die Jugend von heute, die weiß doch gar nicht mehr so recht, was rechte Arbeit ist!“.

Ich verdrehe die Augen und bitte Jim, mir das Aux-Kabel für seine Bluetooth-Box BOSE-13671 zu geben und biete ihm dafür einen Sonnenblumenkern an. Jedes Mal, wenn die Bärte „Arbeit“ sagen, wirft er mir ein warmherziges Lächeln zu. Jim ist ein zu purer Typ, um so etwas wie den Zynismus auszudrücken, der da gerade auf seiner guten Seele brodeln musste. Vielleicht spürt er ihn aber auch tatsächlich einfach nicht.

Ich mache Musik an, aber nur so laut, dass wir dem Gespräch unserer Tischnachbarn noch gut folgen können. „Außerdem hat die Jugend von heute doch immer schlechtere Manieren; wegen diesen rüpelhaften Kindern und Jugendlichen verrohen wir immer mehr. Die Sitten verfallen Tag für Tag!“ sagt er und beißt in sein Leguan-Filet. „I think I just fell in love with a porn star“, rappt Kanye West aus den armenischen Bluetooth-Lautsprechern, während Schnauzbart aufgewühlt nickt. „So ist es, die Jugend von heute, die weiß überhaupt nicht mehr, was rechte Arbeit ist!“

„Fuck with the lights on, they never fuck with the lights on“, fährt Kanye West fort, als die Bärte bemerken, wie wir zu dritt an der pastellfarbenen Wand kauern. Der Korrespondent springt vor Ehrfurcht aus dem Fenster, ich versuche, ein höfliches Lächeln aufzusetzen. „Das ist aber ein vulgäres Lied“, beschwört Rauschebart und blickt verächtlich auf mein Tofu herab (es schmeckt ein bisschen wie der Schwamm einer Schultafel), „Diese Jugend von heute hört doch gar keine richtige Musik mehr. Was ist das denn überhaupt?“. Verächtlich schnaubt auch Schnauzbart. „Diese Jugend von heute. Die weiß doch überhaupt nicht mehr, was rechte Arbeit ist!“.

„Das ist Kanye West“, antworte ich, „ich glaube, er wird 2020 der neue Präsident der Vereinigten Staaten sein“. „One day I am gonna marry a porn star“, echot Kanye West, wie um mich zu bestätigen. Die beiden Typen kommen bestimmt aus einer Ära, in der Hippies ein Ding waren. Mir wurde mal gesagt, dass sich die Geschichte immer im Kreis bewegt. Wenn das stimmt, könnten ja rechtzeitig zu Kanyes Präsidentschaft neue Hippies aufkommen. Vielleicht ja welche, die duschen und nicht öde Rockmusik hören. Mit Instagram-Profilen. Und verstrahltem Slang. Dann würden sie auch wieder alle hassen.

„So einer?“, poltert Rauschebart, „der wird doch ganz bestimmt kein Präsident. Das ist doch nicht einmal echte Rapmusik. In meiner Zeit, da gab es noch echte Rapmusik. Die Absoluten Beginner! Und überhaupt gab es früher echte Musik. Metallica! Die Beatles! Elvis Presley!“. „Und wer von denen wird der Präsident der Vereinigten Staaten?“, frage ich.

„That’s one hell of a life!“ singt Kanye West. Rauschebart und Schnauzbart tuscheln kurz. „Gar kein Sänger. Was weiß ein Sänger auch von rechter Arbeit? Würde einer von diesen Leuten mal ein so großes Geschäft wie die Vereinigten Staaten leiten müssen, da würde ja das Höllenfeuer ausbrechen.“

„So ist es“, schnaubt Schnauzbart, „die Jugend von heute weiß einfach nicht mehr, was rechte Arbeit ist.“

„So ist das also“, antworte ich anerkennend (ich war ja zum Lernen hier, nicht, um mich zu streiten, aber trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – brannte mir die ein oder andere Frage unter den Nägeln), „und wie sähe es mit einem Schriftsteller aus? Oder einem Model? Wie wäre es mit einem Maler? Würde da auch die Hölle ausbrechen?“

„Aber ganz bestimmt“, versichert mir Rauschebart, „das sind doch alles Luftschlösser. Nichts als Luftschlösser! Ihr Kinder werdet das auch noch verstehen. Mit Malern und Rappern kann man kein Haus bauen, keine Rechnungen bezahlen und erst recht nicht die Vereinigten Staaten regieren. Besorg‘ dir lieber einen anständigen Haarschnitt und komm auf den Boden der Tatsachen zurück.“

So ist das also. Ich nehme noch einen bisschen Tafelschwamm-Tofu und höre den letzten Takten des Songs zu, bevor ich wieder zur Schicht gehe. Ich nicke Jim anerkennend zu, beobachte, wie er in seinen Räumen verschwindet. Und jedes Mal, wenn ich einen Sonnenblumenkern durch die pastellblauen Fensterrahmen spucke, frage ich mich, was es eigentlich mit dieser rechten Arbeit auf sich hat.

Autorenbild unterm Text Yannick

Autor: Yannik Gölz

Beobachtung: Mittagspause


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