Ein Streifen Paradies

“Gleis Drei, Vorsicht bei der Einfahrt.“ Der Zug rauscht heran, ein lautes Quietschen, ganz unvermittelt bleibt er stehen. Menschentrauben versammeln sich vor den Türen, ganz so, als würde das die Abfahrt beschleunigen, als würden sich die Türen schneller öffnen, als würden so die Menschen schneller aus dem Inneren des Zuges auf den geschäftigen Bahnhof strömen. Die Masse teilt sich, bildet eine schmale Gasse für die Aussteigenden. Gerade so breit, um einen ungehemmten Strom zu ermöglichen und gerade so schmal, um schnellstmöglich, vielleicht sogar als Erster, in den Zug steigen zu können. Doch auch das beschleunigt die Prozedur nicht, der Zug fährt trotz allem nicht früher los.

Jetzt, am frühen Abend, sind die Leute träge, die meisten haben einen langen Tag hinter und eine noch längere Reise vor sich. Gedankenverloren warten sie auf ihren Zug, lassen den Tag Revue passieren. Jeder in seiner eigenen kleinen Welt versunken, bildet einen Teil dieses großen Ganzen, eines wohl getakteten, tausendmal geprobten, tausendmal aufgeführten Theaterstücks. Sie alle sind Statisten bis zur Einfahrt des lang ersehnten Zuges, wenn sie sich plötzlich in Akteure verwandeln, die sich hektisch um die Türen versammeln, bereit für eine Neuauflage dieses rhythmischen Tanzes.

Die Sonne versinkt langsam hinter den Hochhausblöcken, kaum ein Sonnenstrahl verirrt sich noch auf den Bahnsteig. Sie erreichen nur noch einen kleinen Streifen, hier auf Gleis 3, und lassen ihn in goldenem Licht erstrahlen. Die Luft dort flimmert, eine Ahnung auf eine andere Welt. Das Paradies in der grauen Tristesse des Alltags. Dort steht sie, die Hände in den Jackentaschen, ihr Koffer steht neben ihr auf dem Boden. Es ist ein echter Koffer, kein Trolli, keine Reisetasche, kein Rucksack. So ein richtiger alter Koffer, so einer mit dem Oma einst verreiste. Er ist übersät mit bunten Aufklebern, jeder erzählt eine andere Geschichte. Dieser Koffer hat mehr gesehen und erlebt als all diese Bahnsteigstatisten zusammen. Die Sonnenstrahlen tanzen auf ihrem Haar, tauchen sie in warmes Licht und freuen sich, noch ein letztes Mal an diesem Tag einen perfekten Moment zu erschaffen. Ihr Haar weht im Wind, obwohl kein Lüftchen weht. Eine freche Locke hat sich aus dem Band, das ihre Mähne zu zähmen versucht, gelöst und ruht friedlich auf ihrer Schulter. Dieser Fehler, diese unbeabsichtigt ihr Gesicht rahmende Locke, macht die Perfektion ihrer Erscheinung nur noch greifbarer. Sie ist nicht Teil des Bahnhofgeschehens. Sie steht mitten drin und doch abseits. Alle scheinen einen Bogen um sie zu machen, aber nicht, weil sie ihr ausweichen, sondern weil ihre Wege scheinbar ganz anders verlaufen. Man könnte fast glauben, ein unsichtbarer Wall würde sie umgeben, der die Wege der Reisenden umlenkt und einen unabhängigen Raum um sie herum erschafft. Ein Raum, in dem die Zeit langsamer läuft, in dem das, was außerhalb davon so wichtig erscheint, keinerlei Bedeutung hat. Eine Insel der Vollkommenheit.

Sie schaut in die Ferne, über die Gleise und Hochhausblöcke hinweg. Ganz so, als wäre da noch etwas. Mehr als die graue Alltagstrisstesse. Sie scheint etwas zu erblicken, was hier auf dem Bahnsteig sonst keiner sieht. Vielleicht ist das nur von jenem goldenen Streifen aus zu erblicken und verwehrt sich deshalb den Blicken der Bahnsteigstatisten.

“Gleis 3, Vorsicht bei der Einfahrt.”

Ein neuer Zug rauscht an, die Menschen machen sich bereit für eine Wiederholung der Einstiegszeremonie. Nur sie bleibt regungslos stehen, blickt weiter in die Ferne, ihre Haare wehen im Wind des heranbrausenden Zuges. “Vorsicht Miss, hinter die Linie.” Ein junger Mann fasst sie am Arm und zieht sie sanft aber entschlossen hinter die Linie, raus aus dem goldenen Streifen, der nur noch für sie zu existieren scheint.

Der Zug hält, die Menschentrauben versammeln sich um die Türen. Menschen strömen auf den Bahnsteig, Menschen verschwinden im Inneren des Zuges. Ein lauter Pfiff kündigt die Weiterfahrt an und der Zug setzt sich in Bewegung.

Die Sonne ist nun endgültig hinter den Stadtmauern verschwunden, kein Sonnenstrahl erreicht mehr den Bahnsteig, der goldene Streifen ist verschwunden. Und sie mit ihm.

Langsam füllt sich der Bahnsteig mit neuen Reisenden und versinkt in der Dämmerung.

Autorenfoto unterm Text sophia

Autor: Sophia So

Beobachtung: Ein alter Koffer


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