Liebe Ferne

Hier bin ich wieder. Willkommen in der Heimat. Willkommen im Hier und Jetzt. Willkommen im real life. Unwirklich erscheint mir dieses Jahr auf Abwegen. Eigentlich wäre ich viel lieber bei Dir, bei Deinen ausgetretenen Gehsteigen, Deinem unverwechselbaren maghrebinischen Odeur, das Dir anheim liegt, Deinen Gesichtern, die durch die Menge huschen und meinen forschen Blick widerspiegeln. Bei Deinen unfreundlichen Backwarenverkäuferinnen, bei Deinen Warteschlangen, in denen sich niemand über ‚das Warten beschwert, bei Deinen niemals enden wollenden Nächten voller Lebenslust. Bei Deinen selbstgebrannten Schnäpsen, bei Deiner Wildheit, Deinen festlich gedeckten Tafeln von Gastgebern, die einen nicht kennen und trotzdem alles geben. Ich würde mich am liebsten Deiner Umarmung der Sorglosigkeit hingeben, sie erwidern, bis zum Ende unserer Tage.

Liebe Ferne, Du hast mich mit Nachwehen nach Dir abgeschoben, noch bevor ich genug von Dir haben konnte. Aber, was machen wir uns vor, Du und ich. Ich bin Dir nah und Du bist mir nah und auch so fern. Ja, eigentlich, liebe Ferne, sollte ich Dich verabscheuen, alle vor Dir warnen, bevor sie sich Dir hingeben, so wie ich es getan habe.

Aber habe ich mich Dir überhaupt hingegeben? Am liebsten hätte ich es wohl getan: das Schöne in Dir mit dem richtigen Leben zu verwechseln, um jetzt nicht auf das zurückblicken zu müssen, was mir auf Ewig von Deiner Güte verwehrt bleiben wird, was keine von euch fremden Fernen mir letztendlich zu geben vermag. Ich habe mein Bestes getan, Dir mein Bestes zu geben, womöglich habe ich jedoch wiederum vergessen zu nehmen. Nein, vielmehr habe ich vergessen, mich selbst nicht zurückzulassen. Beinahe fühle ich mich betrogen, ein ungleicher Kuhhandel, wie mir scheint: mein Herz gegen nichts als Erinnerungen? Ein Puzzlestück meines Herzens ist bei Dir geblieben; das Problem: niemand kann mir sagen, wann sich das letzte Teil dazu erbarmen wird, das Bild zu einem Ganzen zu vervollständigen.

Mein Ein und Alles habe ich auf Dich gesetzt, liebe Ferne, auf Dich, meine Herz-Dame im Pokerspiel des Schicksals, auf dass Du mir weiterhin einen Einblick ins wahre Glück gewährst, bevor Du mich immer wieder ausspeist, mich betäubt, entfremdet und einsam zurückkehren lässt in das, was ich als Zuhause bezeichnen will, in das, was ich eben zurzeit mein Zuhause nennen muss, weil es ohne Dich so etwas wie ein Zuhause nicht geben kann.

P.S.: Am Schluss bleiben mir lediglich Die Nerven* um uns zu sagen: „Und andere Frauen ändern auch nichts an deinen Problemen. Und andere Städte ändern auch nichts an deinen Komplexen. Und andere Straßen ändern auch nichts an deinem Zustand. Irgendwann geht’s zurück.“

lukas

Autor: Lukas Preiss

Beobachtung: Nach einem Auslandsjahr nach Deutschland zurückkehren.

*In: Die Nerven – Irgendwann gehts zurück


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s