Der Stöpsel

Verlegen sah ich mich im Hörsaal um, der nun, nachdem alle gegangen waren, unglaublich groß wirkte. Die Sonne lachte durch kleine Fenster herein, aber die Luft stand unbeweglich im Raum. Der Professor zog einen Notizblock aus der Tasche und  auch einen Kugelschreiber. Er malte ein Diagramm auf und gab es mir. Immer noch erstaunt angesichts des Problems, das er mir gerade geschildert hatte, begutachtete ich fachmännisch das Zubegutachtende: Deutlich war ein Gehörgang abgebildet, der mittig eine Trennung aufwies, sich gespalten in zwei entgegengesetzte Richtungen fortsetzte und jeder dieser zwei Gehörgänge in zwei formschöne Ohrmuscheln mündete. Aber interessant war besonders das andere Ende des Gehörgangs. Dort, in der den läppchenbehafteten Hörorganen entgegengesetzten Richtung, vereinigten sich die zwei Gänge wohl irgendwo hinter der Nase eines beliebigen Gesichts zu einem einzigen Gehörgang und dieser verlief weiter Richtung Stirn und führte sich fort bis zu einer Türe. Verstöpselt. Eine geschlossene und gleichsam im Schlüsselloch zugestöpselte Türe. Keine zu Ohren gekommene Erkenntnis konnte dort hindurch, dort hinein. Und dennoch verlief der Gehörgang hinter der verstöpselten Türe weiter. Weiter und weiter, weiter durch Schlick und Sumpf und Gehölz und weiter durch bunte Farben und etwas, das wie ein rauschender Wald aussah. Dahinter ragte der Gehörgang in ein weißes Dickicht, ausgefüllt durch Rauch und Bläschen und Blubbern und Schmauch. Hier, hier endete der Gehörgang im Gehirn. Hier markierte ein Pfeil den Eindrucksfluss, der wegführte vom Denkzentrum und hinlief, rückwärts durch weißes Dickicht aus Schmauch und Blubbern und Bläschen und Rauch, zurück durch rauschende Farben, Gehölz, Sumpf und Schlick, hin zur anderen Seite der verstöpselten Tür. Mit roher Gewalt drückte von dieser Seite das Gewicht des permanent neues Gewicht anhäufenden Denkapparats gegen die verstöpselte Tür. Die Oberfläche der sich an dieser Seite der Tür anstauenden Denksubstanz war noch flüssig, aber die unteren Schichten hatten sich nach einiger Zeit zu einem zähen Morast verdichtet, und ganz unten war die Substanz durch die große Schwere, die auf ihr lastete, steinhart geworden. Ich musste an die Entstehung von Gesteinsschichten denken und das Wort ‚Proterozoikum‘ zirkulierte kurz durch meinen Kopf, ohne dass es bis ins Letzte in einen ausgereiften Gedankengang eingefügt werden konnte. Kein zusammenhängender Gedanke konnte so am Stück aus dem Gehirn hinaus durch die verstöpselte Tür, durch den Gehörgang, über die Kreuzung hinaus und hinaus aus den beiden Ohrmuscheln. Lediglich winzige Bruchteile diffundierten aus dem angestauten Denksee an der Türschwelle, durch das Material der Tür hindurch, hinüber auf die Seite, die zu den Ohrmuscheln führte. Oft mussten einzelne Gedanken ihre Bezüge zurücklassen, weil die Diffusion nur partikular, durch Aufsplittung funktionierte. Ich blickte den Professor ernst an. „Ich hätte da einen Vorschlag“, sagte ich, „ mhm…eine nicht ganz ausgereifte Erfindung sozusagen.“

Ernst und ein bisschen fragend blickte der Professor zurück, gespannt, wie ich dieses der Wissenschaft seit Milennien unlösbare Problem zu lösen gedenke. Schüchtern angesichts des großen Erwartungsdrucks antwortete ich: „Ich vertrete die Ansicht, dass für den Rausverkehr von Denkflüssen sowie für den Reinverkehr von Eindrücken ein alternativer Apparat möglich wäre. Einige Forschungsansätze haben schon auf etwas Ähnliches hingewiesen, aber die Umsetzung steckt hier einfach noch in den Kinderschuhen. Lassen Sie mich meine Idee kurz vorstellen, mhm… –  Sehen Sie, Nietzsche hat ja mit dem „Willen zur Macht“ schon vor Urzeiten auf ein erkenntnistheoretisches Problem hingewiesen, das besagt, alle Wörter seien nicht Bezeichnung für Reales, sondern stellen lediglich die Beziehung zum Realen dar und die Realität sei insofern unaussprechlich und es gehe dem Menschen ja auch überhaupt nicht um die Realität, sondern darum, sich zu ermächtigen. Hierin sehe ich im Wesentlichen den Stöpsel begründet, der auch aus Sicht der Evolutionstheorie haltbar ist, weil auch in dieser Theorie der menschliche Organismus dem Selbsterhalt, der Selbstermächtigung dient. Unsere Neurowissenschaftler ergänzten den Organismus dann nun bahnbrechend, mhm… –  indem sie feststellten, dass auch das Gehirn Teil dieses Organismus ist, dem es in erster Instanz darum geht, sich selbst aufrechtzuerhalten, anstatt nach irgendwelchen weltlichen Erkenntnissen zu streben. Wir haben hier also ein Missverständnis im Bezug auf die Arbeitsverfahren von Erkenntnis, das können wir aus unterschiedlichen Disziplinen ableiten. Ich bin der Meinung, wir überschätzen das Gehirn…“

Der Professor schaute mich verständnislos an: „Also Herr Wanderling, das ist doch jetzt wirklich sehr weit gegriffen. Lassen Sie die anderen Fachbereiche mal hinterm Berg, sie vermischen ja total die Methoden und ihr Vortrag erscheint mir doch nun sehr essayistisch und arm an Belegkraft. Sie vergleichen ja Äpfel mit Birnen, das ist doch ganz und gar unwissenschaftlich! Fällt Ihnen denn kein besserer Ort als eine Universität ein, um herumzulaufen und das Gehirn zu kritisieren…?“

Eingeschüchtert schluckte ich einen dicken Klos hinunter, spürte, wie er sich in der Magengrube transformierte und sich als Bruchstück eines Stöpsels einen Weg durch Zellberge, hin in den Bereich zwischen Ohr und Gehirn bahnte. „Mhm… Hmm. Ähm. Mhm…na was, was ich jedenfalls kurz vorschlagen wollte, ist eventuell unter dem Umstand, dass es vielleicht doch irgendwie brauchbar ist, also meine Erfindung, also meine Idee, die ist… Mhm… die Idee wäre jedenfalls, also wenn man mhm voraussetzt, dass es außerhalb unseres Organismus noch einmal einen Metaorganismus… nennen wir ihn Gesellschaft… gibt, der sich ebenfalls aufrechterhalten will, aber nicht vom einzelnen Suborganismus determiniert wird, wie das nun mhm der Fall ist bei einem Gehirn, dann, also dann mhm… böte sich die Einrichtung eines Apparats an, den ich, also den ich  mhm Mund nenne. Also die Idee ist also ein sogenannter Mhm…Mund, der quasi aus den hinausfließenden Eindrucksfluten sozusagen ein extrahiertes Gehirn schafft, dessen Organismus die Gesellschaft ist. Es würde also den breiförmigen Eindrucksfluss auswärts und einwärts in akustische Signale umwandeln, sodass der Stöpsel passiert werden kann. Dieser Mund ändert dann sozusagen das Eindrucksmaterial und macht es einem anderen Organismus als dem singulären Gehirn zugänglich.“

„Herr Wandeling nun machen Sie aber mal einen Punkt, Ihr Genuschel ist mir ja ganz und gar unverständlich.“

„Aber… –  Nietzsche…“

„Gesundheit.“

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Autor: Anika Kaiser

Beobachtung: Ein Satz aus einem Murakami-Roman, den ich gern anders fortsetzen wollte.


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