Auf Wiedersehen

Jedes lose Haar, dass beim Durchstreichen mit der Hand zwischen meinen Fingern seinen Halt verliert, spiegelt meine Kraftlosigkeit wider. Und jedes einzelne Haar fühlt sich wie Spott an. Wenn die Bürste Mal um Mal die Haare mitnimmt, die ich so gerne behielte und meine Haut Tag um Tag mehr Pergament statt Leben ähnelt, woher kann ich dann die Kraft nehmen, in den Spiegel zu schauen?
Wie oft ich mich frage, wie es in anderen Köpfen ausschaut. Kann man Gedankengeflechte überhaupt bildlich darstellen? Dann bildeten meine Gedanken vielleicht einen entwurzelten Baum, lichterloh brennend. Bekanntlich versiegt jede Quelle und jedes Feuer erlischt, doch meine Gedanken sind laut, so laut und sie wüten und wälzen und weinen und wünschen so viel, dass ich am Ende des Tages nur Stille erhoffe.

Wenn alles in mir schreit und ich den Mund öffne, bin ich dann die Einzige, die meine Rufe hört?

Es kommt zu Hilfe derjenige, der in aufgewühlter Stille meine Ängste teilt, nicht Rat zu geben weiß und sich dennoch freiwillig allen Fragen stellen mag.
Es kommt zu Hilfe derjenige, der von seinen Gedanken noch mehr überfordert zu sein scheint als ich selbst, Sonne und Mond in Bewegung versetzen will und mit immer weniger werdenden Worten die Distanz zu überbrücken schafft.
Es kommt zu Hilfe diejenige, deren Worte in aller Verzweiflung laut und lauter werden und gemeinsam mit ihr teile ich die Hitze der einzelnen Träne, die wir nicht verstecken können, noch nie konnten.
Es kommen zu Hilfe all jene, deren schräg gelegter Kopf und das Flackern in ihren Augen ihr Mitgefühl offenbaren und die zuhören, alle Entschuldigungen nicht leid werdend.
Und da wären jene, in deren Jargon ich meine Disziplin wieder finde, denn ihr Engagement tut so als gäbe es immer noch Optionen.

Wenn alles in mir schreit und ich den Mund öffne, werden vergebens Antworten gesucht und ich klammere mich an ihre Stärke, denn ich habe keine mehr.

Die Frage scheint barbarisch – gegenüber mir selbst womöglich – doch, weshalb entzieht sich mir der Tod? Als sei ich hier, jetzt, und morgen, und bis zum Moment des Zurück-Lassens alles vermeintlich Lebenswerten zum Leiden verurteilt.

Der März verstreicht in grauer Tristesse und frierend, tapfer flackernd, beflecken die wunderschönen Frühblüher die Boshaftigkeit des letzten Winterhauchs. Und der Schnee schmilzt und rinnt in eisigen Rinnsalen dem Untergrund entgegen. Ich wage den Versuch, und füge ihnen meine Gedanken hinzu – auf Wiedersehen.

autorenfoto conny unterm text

Autor: Conny Marie Albrecht

Beobachtung: Frühblüher.


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