Der Sturz der Vögel

Der Kies knirscht wie brechende Knochen. Trockenes, beständiges, beißendes Rauschen. Es knackt schmerzhaft in meinen Ohren. Ein Vogel setzt wie zum Hohn ein. Die meisten Leute beschreiben den Radau von Vögeln als Gesang, aber nein! Vögel singen nicht, sie schreien. Ich bin schon oft durch diesen Park gewandert und habe versucht, mich auf die große Kirchenglocke zu fokussieren, die im höchsten und mächtigsten Turm des Münsters, welches den Park brutal und unnachgiebig überblickt und bewacht, ihre eigene Wache hält. Eigentlich würde man sie immer hören, wenn es nur still genug wäre. Aber bei diesem Lärm!? Ein Pärchen lacht lawinenartig, der verdammte Vogel ist zum Schwarm angeschwollen und übergibt sich in die Luft, stört dissonant meine Glocke. Ich werde hier verhöhnt! Die kleinen Gespräche des Alltags sind mir riesenhaft. Über welchen Unsinn solche Lautstärken nur entfesselt werden? Und meine Glocke schwingt mit! „Sie hat gar keine Wahl!“ ruft es plötzlich. Mir erfriert das Blut. Ich bin meine eigene Stimme nicht gewohnt, habe keinerlei Beziehung zu ihr. Die Vibration meiner Stimmlippen erschreckt mich. Sie ist mir nichts als ein weiteres Geräusch. In einer Kakophonie von stürzendem Vogelgeschrei, reißendem Kies, flüsterndem Gras und irgendeinem ohrenbetäbenden Donnern, das wohl der Hund des Pärchens sein muss, fliehe ich dem grauenhaften Orchestergraben, werde von meinem eigenen schwerern Atem niedergehalten. Wäre auch mein Blut der Amazonas, es wäre trotzdem nicht genug, um so fürchterlich laut zu rauschen. Und meine große, tiefschwarze, häßliche, aufreizend schöne und sonore Kirchenglocke weint. Weil sie mitschwingen muss, immerzu im Takt dieses Wahnsinns, in diesem grauenhaften Karnevall ungewollter Klänge. Wäre da nicht sie gewesen, ich hätte mir wohl noch an diesem Abend die Trommelfelle durchstoßen.

Doch, das Unwetter legte sich. Plötzlich stand sie vor mir. Etwas schüchtern, vielleicht auch nur zurückhaltend, den Rücken leicht gebeugt, die Beine kokett angewinkelt grinst sie mich an. Mittlerweile ist es vollkommen still. Von was wir nur immer so leichtfertig sprechen, wenn wir Stille meinen!

Leise, von innen heraus: „Ich freue mich, dass Sie da sind. Ich hoffe, Sie verzeihen mir dieses Intermezzo?“ Steigend, anschwellend, verträumt: „Sie schienen versunken. Wollen Sie sich ein wenig zu mir setzen? Ich denke wir haben viel zu besprechen?“ Jetzt klarer werdend, Steigung konstant: „Wäre ihre Stimme real, man könnte sie mit bloßer Hand zerbrechen. Da ist keine Symmetrie, keine Stütze, kein Gesetz. Wie soll man denn da auch aufrecht stehen?“ Fragend, fließend, wieder absteigend, fast schmeichelnd: „Setzen Sie sich nun zu mir? Auf meinen Schoß? Sie wären nicht der Erste, falls sie das beruhigt. So wie Sie mich ansehen, so lassen Sie das doch! Ich fühle mich ja geradezu exponiert vor Ihnen. Könnte ich rot werden, nun, sie können es sich denken.“

Zwei Takte lang stehe ich da. Aufbrausend, wogend, dramatisch, forte: „Was ist denn nun!“ ruft sie plötzlich. „So hören sie doch! Es waren schon große Meister bei mir, aber Sie?! Sie sind keiner Erzählung wert. Auch wenn mein Kleid Flecken und Sprünge hat, so zeigt das nur, wie wenig mir so etwas bedeutet! Schon Beethoven war hier. Auch wenn Sie nur durch die Welt stolpern und bloß an Ihre plumpe Glocke denken können!“ Aufgeregt, schneller und lauter werdend, abgehackt: “ Ja überlegen sie, mein Mann bestürzte sich über die Stille, und Sie suchen Sie?! Zerbrochen hat er mich und gerissen bin ich unter ihr. Und das nur, weil ihm der Lärm abhanden kam! Jetzt wird es mir klar, ja, jetzt weiß ich es, warum Sie so wenig von Struktur und Harmonie verstehen! Ihre Liebe auf dem hohen Turm, sie ist es. Beherrscht sie auch nur ein einziges Lied, Sie liegen vor ihr auf den Knien! Wer braucht Struktur, wenn alles sonor, monoton ist?! Absurd tanzt sie mit ihrem fetten Leib, wenn sie ihren Ton singt und damit alles Andere verschlingt. Noch die zierlichsten, wichtigsten Kleinigkeiten verschluckt sie. Und auch Großes ist dabei! Auf sie kann man sich verlassen, nicht wahr?! Das verstehen Sie also unter Komplexität, das also unter…“

„Genug!“ Verschreckt klimpernd bricht sie ab. Ihre Rede bricht in sich zusammen und verhallt leise in den Ecken des Raumes. Erschrocken blickt sie mich in der hereindämmernden Stille an. Ich beginne. Ernsthaft, strukturiert, akzentuiert, ruhig, drohend tief: „Beherrschen Sie sich. Was fällt Ihnen ein, Schlüsse über mich zu ziehen? Sie zerbrechen ja schon bei der kleinsten Unterbrechung, da zaudern Sie schon! Merken sie nicht, wie empfindlich ihre schöne Komplexität, Harmonie, Strukturiertheit ist? Und wie falsch? Deplazieren sie eine Note und es herrscht Chaos, so wie da draußen beim verfluchten Karnevall. Inweifern haben Schnörkel und blasse Eindrücke einen Eigenwert? Verpassen sie auch nur einen lächerlichen Ton und ihre Struktur fällt ins Nichts! Aber ich, ich kenne die Stille, habe sie gehört, wenn meine Glocke schlägt, reißt mich das Meer in die Tiefe. Was könnt Symmetrischer und wohlkomponierter sein als ein einziger Intervall, eine Note, eine Aussage, die Sonate?“

Aufgeregt, zirpend, agitiert, erhitzt: „Die Sonate?!“(meinst du Sonate?) klimpert sie schrill. “ Wo hast du denn deinen Verstand gelassen?! An der Hochschule?! Aber aus der bist du geflohen wie aus der Stadt. Wo nichts ist, gibt es auch keine Verbindung!“ Sanfter werdend, lange, gezogene Melodiebögen, einfühlsam, zupfend: „Nicht alle Vögel sind wild. Nicht alle fressen dir die Leber. Hör mir doch mal zu. Weißt du wozu ich fähig bin? In meinem Kleid steckt die Unendlichkeit, noch hat mich niemand durchgespielt. Ich spiele dir von gläsernen Sternen, unbelebt und durchsichtig.“

Langsam einsetzend, seufzend, dreivierteltakt, antwortend: „Ach bitte, spiel mir doch nicht so etwas. Wer schenkt einem Fliehenden einen langen Weg? Ich habe genug gehört.“

„Nein geh nicht! Ich kann nicht ohne dich. Ich brauche deine Ohren!“ Sprung-und lebhaft, hüpfend-rhythmisch:

„Was? Du kannst nicht ohne mich? Aber ich, ich brauch dich nicht. Was habe ich mit deinen Sternen zu schaffen?“

“ Und trotzdem bleibst du hier? Komm, tanz mit mir! Du spielst und ich singe!“

“ Ich ertrage keinen Lärm. Wenn du willst, bleibe ich aber hier, nur ruhig muss es bleiben und einfach sein.“

„Wie du willst, es geht immer nach dir. Ich sagte dir schon, ohne dich könnt ich gar nicht da sein. Und doch bin ich mehr.“

„Was bist du mehr? Du wirkst kränklich, so wie ich dich halte. Würde ich ausrutschen, unser Tanz täte das auch.“

„Und wenn schon? Wäre nicht mehr als ein Vogelschrei. Du trafst es damit sehr genau, bevor du kamst.“

„So wie wir uns hier drehen, hast du ganz deinen Mann vergessen? Was würde er sagen? Hat er dich nicht schon einmal zerbrochen?“

„Der ist tot und hört uns nicht. Aber spielen tu ich ihn noch, denn er steckt als Muster in meinen Saiten. Glaubst du, ich könnte ihn halten, wenn ich nur eine Einzige hätte?“

„Du müsstest sie besonders Laut und lange schlagen!“

„Unsinn!“

Apprupter Themenabbruch. Die Melodie verliert sich langsam. Still und beklommenes Einsetzen unheilvoller Untertöne. Letzte Wendung des Walzers:

„Was liegt dir noch an ihm?! Was warst du noch für ihn? Er hatte keine Ohren mehr für dich!“

„Aber er hätte sie sich niemals ausgestochen!“

„Er brach dir den Flügel!“

„Und was liegt dir an Vögeln?! Für dich hat es sich gut auf der Erde gelebt, nicht wahr? Nur gerade Flächen, ein Teppich mit nur einer Masche. Ein fantasieloser Einzelton. Man könnte sich erschrecken, wie viel ich aushalten kann! Du weißt ja gar nicht, was du uns nimmst.“

„Ich will es auch nicht wissen! Bevor du vor mir angefangen hast zu grinsen, war alles geordnet! Aber schau uns jetzt an!“

„Ordnung sagt er! Und steht in einem leeren Raum. Vertraue mir. Bevor das hier endet, bringe ich dir deine schöne Glocke zu Fall. Der Turm ist hoch.“

„Sie wird nie lauter klingen!“

„Sie wird schreien und mehr auch nicht. Schlägt sie erst auf, ist sie nicht mehr als altes Eisen für dich.“

Climax. Melodie schießt schnell in die Höhe. Crescendo. : „Wer sagt, dass ich nicht dich aus dem Fenster werfe?! Du weißt nich, was du mir nimmst. Wir wollen sehen wie dir ein Sturz gefällt!“

„Pack mich nicht an! Mit wem willst du spielen, wenn nicht mit mir? Hat sie dir vom Turm aus denn jemals geantwortet, so wie ich? Hat sie dir denn jemals so viel Aufmerksamkeit geschenkt! Hat sie….Halt! Pack mich nicht an!“

Zwei Takte Stille. Der letzte Ton verhallt.

Jetzt: Tutti-Einsatz, unisono. Fortissimo

Mit einem gewaltigen Aufschrei von berstendem Holz, furchtbarer, explosionsartiger Entladung gespannter Saiten und springendem Elfenbein übergießt der Flügel dreiviertel des sichtbaren Bordsteins mit seinem massigen Körper. Im Schreck fliegen alle Vögel des Parks brüllend in den Nachthimmel. Die Glocke summt leise mit. Ich habe nie wieder etwas Derartiges gesehen.

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Autor: J.H.Z.

Beobachtung: Mit geschlossenen Augen im Park nur Töne sehen.

 

 

 


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