Auf gute Nachbarschaft

Es ist ein sonniger Morgen. Endlich scheint der Frühling im Kampf der Jahreszeiten die Oberhand zu gewinnen. Es ist noch früh, die beste Tageszeit. Draußen ist es ruhig, das Gezwitscher der Vögel ist alles was man hört. Die Nachbarsgören schlafen noch, bald jedoch werden sie auf die Straße strömen und das war’s dann mit der Ruhe.

Heute ist Markttag, Hubert muss sich ranhalten, wenn er noch vor den Klatschweibern dort ankommen will. Er hat nichts gegen Frauen, aber ihr ständiges Geschnatter geht ihm auf die Nerven. Am schlimmsten ist ihr Lachen. Es scheint exponentiell mit der Anzahl an Weibern zuzunehmen, bis es sich ins unerträgliche hochschaukelt und Flucht als einzige Rettung erscheint.

Hubert verlässt das Haus und schließt sorgsam die Tür hinter sich ab. Früher brauchte er das nicht, da wurden die schlimmsten Diebstähle von Lausbuben aus der Nachbarschaft begangen, die Süßigkeiten in Susis Kiosk klauten. Diese Rabauken. Früher kannte man sich im Dorf aber auch noch. Heute ist das anders. Mit diesen ganzen Immigranten und den modernen Familien, die sich hier den Traum vom idyllischen Familienleben erfüllen wollen und dann aber tagtäglich in die Stadt pendeln, denn die Arbeit auf dem Dorf ist nicht hip genug. Diese jungen Leute heutzutage haben doch keine Ahnung vom Leben.

Der Weg von seiner Haustüre bis zum Gartentor und dann um die Straßenecke zum Markt ist nicht weit. Trotzdem schlägt sein Puls schneller als er vor die Türe tritt. Inbrünstig hofft er, dass Hilda ihn nicht bemerkt. Hilda ist seine Nachbarin, eine kecke Mittsechzigerin mit dem grünsten Daumen weit und breit. Ihr Garten sieht aus als wäre er einem kitschigen Märchen entsprungen, alles blüht und gedeiht, Vögel und Eichhörnchen wohnen in den Bäumen, ein Springbrunnen plätschert vor sich hin, im Baum hängt eine Schaukel und unter einem Pavillon aus Kletterrosen steht eine Bank, die nur darauf zu warten scheint, dass der Prinz endlich seine Prinzessin küsst. Hilda mag Kinder, sie lässt die Bälger aus der Nachbarschaft in ihrem Garten spielen und zum Dank schlagen sich die Gören ihre Ranzen mit ihren Erdbeeren voll.

„Guten Morgen Hubert“ flötet es hinter dem Gartenzaun hervor. Mist, sie hat ihn entdeckt.

„Guten Morgen Hilda, ich bin etwas in Eile, ich bin auf dem Weg zum Markt.“

„Ach ja wirklich? Ich muss auch einige Besorgungen erledigen. Stört es dich, wenn ich dich begleite?“

Natürlich tut es das, er geht so früh auf den Markt um ungestört zu sein. Aber das kann er ihr natürlich nicht sagen, um der guten Nachbarschaft willen nicht.

„Nein, selbstverständlich nicht“ er versucht ein Seufzen zu unterdrücken. Zu Hilda muss er freundlich sein, sie wohnen schon seit 40 Jahren Tür an Tür und werden es wahrscheinlich auch noch viele weitere Jahre tun. Er will wirklich keine Probleme mit seiner direkten Nachbarin haben. Das würde sein Leben nur unnötig verkomplizieren und unangenehmer machen.

„Fabelhaft! Ich hole nur schnell meinen Korb und mein Portemonnaie.“ Hilda verschwindet im Haus.

Hubert wartet ungeduldig am Gartentor und blickt grimmig auf seine Uhr. Hoffentlich beeilt sich Hilda, in weniger als einer Stunde werden die ersten Hausfrauen auf dem Markt einlaufen. Sein Blick wandert in ihren Garten, ein Meer aus Blumen und Düften. Der Rasen wurde schon zu lange nicht gemäht. Er gleicht auch viel mehr einer wilden Blumenwiese als einem Rasen. Diese Blumenpracht hat sich Walter, Hildas anderer Nachbar, zu Nutze gemacht. Er hat sich einen Bienenstock angeschafft und verkauft jetzt Honig. Er ist verliebt in Hilda und versucht sie mit dieser Imkerei zu beeindrucken. Die Pfeife.

Endlich kommt Hilda zur Tür hinaus. Sie schließt nicht ab, Hubert rümpft die Nase, sagt aber nichts. Ist ja ihre Bude, die ausgeräumt wird. Sie trägt einen Sonnenhut und tänzelt über den kunstvollen Weg der von ihrem Haus bis zum Gartentor führt. Sie hat ihn selbst angelegt. Es ist ein Mosaik aus über die Jahre zerbrochenen Pflanzentöpfen und bunten Fliesen, welche ihr ihre Tochter aus der ganzen Welt mitgebracht hat. Ungefragt hakt sie sich bei ihm unter und sie laufen zusammen Richtung Markt. Hubert stört das, aber sie zu bitten es zu lassen traut er sich dann auch nicht. Um der guten Nachbarschaft willen. Hubert läuft missmutig neben ihr her, der Morgen verläuft ganz und gar nicht wie er sich das vorgestellt hat. Es ist nicht so, als würde die Situation an sich missfallen, aber es gefällt ihm nicht, wenn Pläne nicht durchgeführt werden oder man sich nicht an die Ordnung hält. Wo würde das auch hinführen? Zum Sittenverfall!

Ein junger Mann mit Vollbart und einem dieser lächerlichen Hüte rempelt Hubert an, als er mit Hilda um die Ecke biegt.

„Oh, entschuldigen Sie bitte.“

„Haben Sie keine Augen im Kopf? Passen Sie gefälligst auf wo Sie hinlaufen!“ Fährt Hubert ihn aufgebracht an. Mit einem schnellen, abschätzigen Blick mustert er seinen Gegenüber. „Das darf ja nicht wahr sein! Kein Wunder, dass Sie halbblind durch die Gegend laufen bei diesem Gewucher in Ihrem Gesicht. Kämen Sie sich das Haar zurück und stutzen Sie Ihren Bart. Wenn Sie dann immer noch blind in fremde Menschen hineinrennen, dann sollten Sie sich vielleicht eine Brille zulegen!“

„Beruhige dich Hubert. Es ist doch nichts passiert, das war nur ein kleines Missgeschick.“ versucht Hilda ihn zu beruhigen.

„Ja aber es hätte etwas passieren können! Das ist keine Entschuldigung dafür, so rücksichtslos durch die Gegend zu laufen!“ gibt Hubert aufbrausend zurück.

Der junge Mann entschuldigt sich nochmals und macht sich schnell aus dem Staub. Hubert schnaubt verächtlich und will ihm noch etwas hinterherrufen aber da hat Hilda sich bereits bei ihm untergehakt und zieht ihn weiter Richtung Markt.

„Hilda, Hallo!“ ruft es von einem der Marktstände. Es ist Walter, er verkauft hier seinen Honig. Er strahlt über das ganze Gesicht, doch als er Hubert hinter Hildas ausladenden Sonnenhut erblickt, verdunkelt sich seine Miene.

„Guten Morgen Walter, was machen die Bienchen?“, begrüßt ihn Hilda gut gelaunt.

„Morgen Walter“, grummelt Hubert, „versuchst du immer noch diese armen Dorftrottel mit deinem ‚Qualitätshonig‘ über den Tisch zu ziehen?“ Hilda wirft ihm einen bösen Blick zu. Walter beachtet ihn gar nicht. Ist auch besser so. Er wohnt zwei Häuser weiter, Freunde sind sie keine und brauchen es auch nicht zu sein. Sie wohnen nur in derselben Straße und die einzige Verpflichtung, die sie dem anderen gegenüber haben, ist die Feuerwehr zu rufen, falls das Haus brennen sollte.

„Emsig am schaffen“, gibt er bemüht gut gelaunt zurück. „Hier Hilda, dieses Glas habe ich extra für dich zur Seite gestellt. Es ist besonders cremig und blumig, so wie du es am liebsten magst.“ Feierlich überreicht er ihr das Glas und lächelt sie schüchtern an.

„Oh Walter, das ist lieb von dir, danke!“ Freudestrahlend nimmt sie das Glas entgegen und will ihm einen Zehner reichen, doch er schüttelt energisch den Kopf.

„Auf keinen Fall! Ohne dich und deinen traumhaften Garten gäbe es diesen Honig gar nicht. Ich bestehe darauf ihn dir zu schenken. Als kleines Dankeschön sozusagen.“ Dieser Narr.

„Du bist so gut zu mir Walter. Auf Wiedersehen.“

Sie dreht sich um, hakt sich wieder bei Hubert ein und zwinkert ihm verschmitzt zu. Hubert wirft einen Blick über die Schulter und sieht wie Walter ihnen mit zornig blitzenden Augen hinterher schaut. Dieser Tölpel, ist eifersüchtig, weil Hilda Arm in Arm mit ihm über den Markt schlendert. Dieser niveaulose Banause hätte niemals eine Chance bei einer Frau wie Hilda. Armer Narr. Und während er sich in Gedanken über Walter lustig macht, huscht zum ersten Mal an diesem schönen Tag ein Lächeln über Huberts Lippen. Ein spöttisches zwar, aber immerhin ein Lächeln.

Autorenfoto unterm Text sophia

Autor: Sophia So

Beobachtung: Über Nachbars Zäune


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