Vielleicht waren die Böen in der Fremde einst die Böen daheim

Ein launischer Wind geht durch das Blätterdach, beschwingt das sich verfärbende Laub und weht die letzte Wärme des vergangenen Sommers davon. Über die letzten Tage gab es immer wieder Stürme und Regenschauern, aber dann wird es doch wieder so selbstverständlich sonnig, dass man es drinnen gar nicht mehr aushalten mag.

Die Innenseite meines Unterarms badet in lauwarmem Licht, mit der Hand scharre ich ziellos im kühlen Boden. Das kleine Waldstück beginnt an der Südseite der Stadt und stiehlt sich ein paar Kilometer ins Württembergische Niemandsland davon. Ich bin manchmal hier, weil ich mir stets vornehme, auch in der Fremde einen Wald zu finden, der sich wie die Wälder zu Hause anfühlt. Aber so funktioniert die Welt eben nicht und ich bin irgendwann mit der märchenlosen Geschäftigkeit der Tübinger Umgebung in Einklang gekommen. Selbst an ruhigen Tagen surrt hier immer eine formlose Fahrradkette durch den Ohrenwinkel. Die Wege sind breit, fest und von Bänken und Mülleimern gesäumt. Die Leute joggen hier, sie wandern nicht. Aber wer bin ich schon, das zu beurteilen. Mehr als zwei Wälder kenne ich ja gar nicht.

Über die Zeit war ich mit mehreren Leuten hier, geht es mir durch den Kopf, aber das waren ganz unterschiedliche Erfahrungen und ganz verschiedene Menschen. Einmal vor einer Weile, ich war gerade erst frisch hergezogen, da hat ein Kumpel eine Art Musikvideo gebraucht und wir haben ganz amateurhaft kleine Szenen in den Wiesen zusammengeschossen. Ein Meisterwerk ist uns dabei natürlich sicher nicht gelungen. Aber wir haben viel herumgeblödelt, über nichts Bestimmtes geredet, einen Song über Beton gehört und eigentlich auch nichts weiter im Sinn gehabt. Zwei Jahre ist das inzwischen her.

Das nächste Mal kam dann deutlich später, da ging einer Freundin die Idee durch den Kopf, uns ein wenig im Wald umzusehen. Wir haben ein Buch mitgenommen, wollten über politisches Zeug reden, aber waren dann doch nicht so ernst, wie wir es vielleicht gern gewesen wären. Trotzdem, ich habe mehr gegrübelt zu der Zeit. War ein wenig schwermütiger, obwohl eigentlich viele gute Dinge passiert sind.

Inzwischen sind beide von hier weggezogen. Nach Chemnitz und Berlin. Ich würde gerne wissen, ob sie sich auch manchmal Gedanken über Wälder machen und dort einen Neuen gefunden haben. Und ob sie diesen hier wie Fremde oder wie Heimat behalten haben. Eine blöde Frage eigentlich, denke ich mir, während ich mich aufrichte und die Erde von meiner Hand schüttele. So sehr unterscheiden sich Wälder bestimmt auch wieder nicht voneinander. Wenn man’s genau nimmt, sind sie alle nur Bäume und Moos. Und bestimmt gibt es auch irgendwo jemanden, der mit den Tübingen Wäldern groß geworden ist, jetzt in der Ferne genau den einen Wald gefunden hat, den ich mir gewünscht hätte, und überhaupt nicht zufrieden damit ist. Ob wir uns verstehen würden?

Es geht ein launiger Wind durch das Blätterdach. Vielleicht wird es wirklich langsam Herbst. Wer weiß das schon.

Autorenbild unterm Text Yannick

Autor: Yannik Gölz

Beobachtung: Ein Wald


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