Momentaufnahme

Ich sitze in meinem Lieblingscafé und suche Halt am Henkel meiner Kaffeetasse. Abgeschirmt durch die dunklen Gläser meiner Sonnenbrille beobachte ich die Leute auf der Straße, das tagtägliche Kommen und Gehen, das zielgerichtete Hasten von einem Ort zum nächsten. Ich selbst: eine an einem Holztisch sitzende, in der Stagnation verharrende Gestalt. Ich nehme den kleinen Löffel von der Untertasse, rühre meinen Kaffee um, nehme einen Schluck. Schmeckt leicht verbrannt. Gut so. Ich spüre, wie die Nervosität von mir abfällt.

In der Glasscheibe neben mir sitzt mein Spiegelbild und schaut mich an. Es trägt dunkle Jeans, darüber eine abgewetzte Lederjacke. Krauses Haar lugt eigenwillig unter einer Baskenmütze hervor, die Füße stecken in klobigen Stiefeletten. Außerdem sind da staubige Handabdrücke auf dem schlecht geputzten Fenster; sie schimmern in der Nachmittagssonne. Die Fassade dieser Person in der Glasscheibe scheint mir plötzlich äußerst durchschaubar zu sein. Mühelos kann man durch die getönten Brillengläser hindurch sehen; die sorgfältig konstruierte Distanz ist nichts als ein grotesker Komfortmantel. Die Geschehnisse für jeden erkennbar: Der unvermittelte Wegfall aller Konstanten am heißesten Tag des vergangenen Jahres, Verirrungen im darauffolgenden Spätsommer. Danach nichtssagender Herbst und innerer und äußerer Winter. Jetzt: ein offenes Buch, inmitten der Frühlingssonne.

Ich hebe den Kopf und schaue nach oben in den wolkenlosen Himmel. Probeweise schiebe ich meine Sonnenbrille einen Zentimeter nach unten. Ich muss die Augenlider zusammenkneifen, das strahlende Blau blendet mich. Noch einen Schluck Kaffee. Noch ein paar Zentimeter. Ich höre Vogelgezwitscher. Ich blinzele. In der Glasscheibe neben mir schaue ich mein Spiegelbild an. Es trägt dunkle Jeans, darüber eine abgewetzte Lederjacke. Krauses Haar lugt eigenwillig unter einer Baskenmütze hervor, die Füße stecken in klobigen Stiefeletten. Ruckartig erhebe ich mich von meinem Stuhl und mische mich unter die Leute auf der Straße. Im Café an der Ecke steht ein verlassener Tisch mit einer Blumenvase, einem Zuckerstreuer, einer leeren Kaffeetasse und einer Sonnenbrille.

autorenfoto laura unterm text rund

Autor: Laura Geray
Beobachtung: Ein Cappuccino


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