Martin

Mit der letzten Pinselführung bettet sich eine braune Haarlocke auf die Leinwand. Das Porträt hat nun seine finale Form, ist zu einem Manet geworden. Die Kundin ist begeistert, schreit aufgeregt als sie die Reproduktion ihres Lieblingskünstlers betrachten darf. Sicherlich ist sie überzeugt, ihm einen Gefallen getan zu haben, seinem Werk und seiner Person, die ihr doch so vertraut ist und so viel Ähnlichkeit mit ihr zu haben scheint, einen großen Dienst erwiesen zu haben. Natürlich darf nur er ihre kleine, gelbe Küche schmücken. Ihn weiterhin fortbestehen zu lassen und die schwere Last seines Erbes zu tragen, ist sie aufopfernd bereit. Der Kunstfälscher erhält seine Bezahlung, steckt sich eine Zigarette an, während seine Kundin das Atelier mit dem Bild unter dem Arm verlässt. Immer noch muss er sardonisch lachen wenn er diese Bezeichnung hört. “ Kunstfälscher“. Er hasst sie mehr als sich selbst. Sie hasst den beißenden Geruch von frischer Ölfarbe.  Was, wenn sein kleiner Scherz auffällt?  Der Gedanke ist verworfen wie er auftaucht. Sie kennt ihren Manet doch so gut und plädiert mit Sicherheit auf Originalität, sollte eine ihrer Freundinnen die heterochromen Augen des jungen Mädchens auf schwarz oder gar die verschnörkelten Initialien S.M. am unteren Bildrand auffallen, die so wenig von Manet wie das Bild selbst sind. Ihm hatte Manet ohnehin nie gefallen, hatte er doch immer einen klareren, weniger idealistischen Stil bervorzugt. Und doch fühlte er sich etwas Furchtbarem schuldig, der Exhumierung eines Artgenossen, einer rüden Geste, die nicht näher an der eigentlichen Plumpheit, an einer schrecklichen Bagatelle hätte sein können. Plump- und Einfachheit hatte er schon immer verabscheut und tunlichst daran getan dieses Synonym zu meiden, rief es doch regelrecht Ekel in ihm hervor. Eben jenes Bild, das just in diesem Moment seine endgültige Reise in irgendeine Küche antrat, in der gekocht und gegessen wurde, das statischste unter dem Gewöhnlichsten, hatte Platz auf seiner letzten Leinwand gefunden. Er hatte damals eines seiner Bilder, etwas was tatsächlich nur von ihm kam, etwas wirklich Eigenes, bleichen und beiseite treten müssen, um der unschuldig blickenden jungen Frau den Raum zu bieten, in dem sie jetzt ausbleichen darf, wie ihr Vorbild das schon lange getan. So verharrte er eine Weile. Normalerweise würde nun die Panik kommen und ihren Mantel um ihn schlingen. Sie blieb aus. Stattdessen legte sich ein bitterer Film über seine Zunge. Er begann zu beben, fühlte nun endgültig den Drang und Zweck einer Phantasie, die ihn schon lange begleitete.

 Er würde alles in den  Wind schlagen, der Frau, die seinen Manet unter dem linken Arm trug ebenso stürmisch hinterhereilen, ihre überraschten Floskeln mit einem gezielten Griff nach seinem Porträt, nicht das des Manet, unterbrechen und hinfällig machen, den Rahmen und die die ihn besetzte auf dem Pflaster zerschmettern, mit Sturm und Wut und gerechter Rache allen zusammen, allen künstlerlischen Halbgeburten die in den Ecken seines Ateliers  hausten ein Feuerbegräbnis gewähren. Sich selbst und alles, ja alles Unreine und Dagewesene vergangener Zeiten, alle ausgenutzen und schmutzigen Seelen in einem Feuer zu reinigen, so groß wie seine Atelier, das würde er tun. Er hatte sich seine Antigone gemalt.

Auf der Sraße war nichts von seinem Bild zu sehen. Zurück im verrauchten Zimmer schlug er mit zitternden Händen die Adresse dieser Diebin nach. „Wer könnte  denn so misstrauisch sein?!“ Sie hatte keine hinterlassen. Sie trug seine Revolution davon. Seine Antigone, von seiner Hand und seinen Farben, hatte erst er vollendet, sie genau wie Manet von seiner Netzhaut auf die Leinwand geworfen, nur dass die Seine die Echte und Wahre war und nur durch ihn ihre tatsächliche Existenz gefunden hatte. Ihre Zeit war jetzt und davor eben noch nie gewesen. Sie existierte nur in Bezug auf ihn. Sie war sein!

Als er wach wird sind seine Haare verklebt. Es riecht nach Eisen und Rauch. Eine Büste liegt mit ihm zerbrochen am Boden. Es klebt Blut an den Scherben. Er erinnert sich der langen Arbeit an ihr und an den Entschluss, sie nicht zu verkaufen sondern in einer Nische über der hohen Flügeltür aufzustellen, als sein linkes Hosenbein Feuer fängt.

Drei Wochen später verdient ein aufstrebender Fotograf gutes Geld mit einigen Schwarzweißaufnahmen eines ausbrennenden Raumes voller Bilder bekannter Größen. In den Todesanzeigen der Zeitung dieser Woche steht: „Martin Müller, Kunstsammler.“ Da Martins Eltern und Verwandte tot oder über die Welt verstreut sind, fällt nur in einer gelben Küche beim Aufschlagen der Morgenzeitung eine Tasse zu Boden und ein Bild bekommt braune Flecken.

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Autor: J.H.Z.

Beobachtung: Eine Bild in einer Küche


Ein Gedanke zu “Martin

  1. Der Text gefällt mir wirklich gut. Eine originelle Idee
    Ein Fälscher und seine Antigone
    Vernebelt von Rauch und Wut.

    Okay ich überlass die Lyrik euch. Ein Paar Anmerkungen:
    Richtig cool das Wortspiel mit dem „Vorbild“, das Originelle, dad der Fälschung weichen muss. Kennt ihr den Palemphzest Begriff von Foucault? Der hat viel mit der Thematik des Textes zu tun und darauf könntet ihr ein bisschen verweisen. Wenn schon nur des wunderschönen Wortes „Palemphzest“ wegen.

    „Und doch fühlte er sich etwas Furchtbarem schuldig“ –
    Des Furchtbaren. Genitiv. Insgesamt ein Paar orthographische Fehler, die ihr noch überarbeiten könntet.

    Was mich aber wirklich verwirrt hat, ist der Wechsel des Tempus. Der Anfang steht im Präsenz, dass sich aber nach dem Plusquamperfekt im Rückblick und dem sehr schönen Konjunktiv in seinen Handlungsplänen leider in ein Präteritum verwandelt, obwohl auf den gleichen Zeitpunlt wie am Anfang referiert wird. Wenn das so geplant ist, dann ist mir die Motivation dafür nicht ersichtlich. Wenn ihr den zeitlichen Wechsel zu dem Moment des Erwachens durch einen Tempuswechsel markieren wollt, wäre es sinnvoll, den Anfang auch im Präteritum zu schreiben. So ist jedenfalls der Moment der Wut, der ja unmittelbar nach dem Verkauf des Bildes stattfindet, in einem Tempus geschrieben, das zetliche weiter zurückliegt.
    Aber ansonsten tolle Formulierungen und wie gesagt eine originelle Idee.

    Peace among worlds
    Goigoi

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