Namen im Sand

Er spürt die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht tanzen, hört das beruhigende Rauschen der Wellen, schmeckt die salzige Luft auf seinen Lippen. Mit geschlossenen Augen sitzt er am Strand, die Füße im Wasser, langsam wird seine Hose nass. Aber das macht nichts. Es ist ein warmer Sommermorgen. Die Nacht ist erst vor kurzem dem neuen Tag gewichen. Es ist einer dieser Momente absoluten Friedens. Das Leben hält nicht viele dieser Momente für uns bereit, deshalb ist es umso wichtiger sie voll auszukosten.

 

Der brummende Motor eines einsamen Fischerboots reißt ihn aus seinen Gedanken. Er öffnet die Augen und beobachtet eine Zeit lang, wie es sich seinen Weg durch die wogenden Wellen erkämpft. Es scheint fast so, als würde es sich nicht bewegen, als würde es nicht vorankommen, doch es wandert gemächlich und unerbittlich über den Horizont. Er sollte nach Hause gehen, es war eine weitere lange Nacht in der er bis zum Morgengrauen gearbeitet hat.

Nach Hause. Ein seltsamer Ausdruck für einen Ort, an dem er gerade erst einen Monat wohnt und an dem er auch nicht mehr allzu lange wohnen wird. Seltsam, wie schnell uns dieser Begriff über die Lippen huscht. Als wäre Zuhause einfach nur ein Ort wo man schläft und seine Sachen verstaut. Aber eigentlich tut er nicht einmal das, er hat kaum Sachen.

Seit Jahren reist er durch die Welt, lebt aus einer Reisetasche. An einem Ort bleibt er nur so lange, bis er das Gefühl hat, ihn mit all seinen Facetten in sich aufgenommen zu haben. Dann zieht er weiter. Manchmal ist das schon nach wenigen Wochen, manchmal erst nach einigen Monaten. Aber er hat keinen Zeitdruck, er muss nirgendwohin, muss nirgendwo sein. Er ist Koch, die braucht man überall. Wahrscheinlich lernt man in keinem anderen Beruf Land und Leute so gut, so echt kennen.

Es ist an der Zeit aufzustehen und nach Hause zu gehen.

Zuhause. Das ist da, wo Ella ist. Das ist der Ort an dem sein Herz wohnt. Ella und Mike sind Freunde seit sie in der Grundschule nebeneinander sitzen mussten. Von da an waren sie unzertrennlich, gingen auf dieselben Schulen und als Ella für ihr Studium umziehen musste, ging Mike mit und machte dort seine Ausbildung zum Koch. Beziehungen kamen und gingen, seine Eltern trennten sich. Ella war die einzige Konstante in seinem Leben. Das klingt kitschig, aber in seiner reinsten Form ist Zuhause das wohl auch.

Vor einigen Jahren wollte Mike die Welt sehen, ein Jahr lang in Küchen auf der ganzen Welt arbeiten, jeden Tag etwas neues essen. Er wollte sie überreden mitzukommen, doch sie konnte nicht. Sie musste ihr Studium beenden, konnte nach all der Arbeit die sie da hineingesteckt hatte nicht einfach alles stehen und liegen lassen.

„Willst du sicher nicht mitkommen?“ fragt er sie ein letztes Mal vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen.

Sie sollte ihm sagen, dass sie nicht will, dass er geht. Doch das tut sie nicht, stattdessen sagt sie: „Du weißt, dass das nicht geht“ und streicht ihm liebevoll übers Haar. „Aber bei deiner Rückkehr bin ich hier und warte auf dich.“

Sie schrieben sich und telefonierten oft. Das Jahr verging wie im Flug und aus einem Jahr wurden zwei. Als er zurückkam war sie nicht da. Ihr neuer Freund hatte Geburtstag, da konnte sie nicht fehlen. Thomas, was für ein spießiger Name. Er arbeitet für eine Bank.

Anfangs trafen sie sich oft, er zeigte ihr Bilder von seiner Reise, von Orten, die er gesehen hatte und an die er sie unbedingt eines Tages bringen wollte. Erzählte ihr Geschichten von seinen Erlebnissen, von Fremden die zu Freunden wurden. Sie tranken viel Wein und er kochte ihr all die wunderbaren Gerichte, die er in den Küchen dieser Welt gelernt hatte. So verbrachten sie viele Abende gemeinsam. Doch irgendwann holte sie der Alltag wieder ein. Ella ging arbeiten, traf sich mit Thomas und ihren neuen Freunden. Mike fühlte sich überflüssig. Er hatte sich inzwischen mit all den Leuten von früher getroffen und seine Verwandtschaft besucht.

„Was wirst du jetzt tun?“ Sie sitzen bei einer Flasche Wein auf dem Balkon ihrer Wohnung, seit kurzem wohnt auch Thomas hier.

„Was meinst du?“ fragt er sie verwundert.

„Du musst dir einen Job und eine Wohnung suchen, du kannst nicht ewig bei deiner Mutter auf der Couch schlafen.“

„Ich weiß nicht. Vielleicht bleibe ich nicht…“

Sie schaut ihn mit ihren großen dunklen Augen an. Es war nur ein kurzer Augenblick, nur einen Wimpernschlag lang, aber es kam ihm vor wie eine Ewigkeit. Der perfekte Moment um all das zu sagen, was sie sich sonst nicht sagten.

Sie sollte ihm sagen, dass sie nicht will, dass er geht. Doch das tut sie nicht, sie schlägt die Augen nieder und sagt: „Ich werde dich vermissen.“

Das ist jetzt fünf Jahre her. Sie schreiben sich nur noch selten. Er schickt ihr Bilder von neuen Gerichten und Sonnenaufgängen, sie schickt ihm Bilder von ihren Freunden und ihrem Verlobungsring.

Mike steht auf und macht sich auf den Heimweg. Die Wellen schwappen ans Ufer und jede neue Welle nagt mehr an dem Wort, das er geistesabwesend in den Sand geschrieben hatte. ELLA. Die Wellen schwappen weiter an den Strand bis da nichts weiter ist, als nasser Sand.

Autorenfoto unterm Text sophia

Autor: Sophia So

Beobachtung: Schulkinder auf dem Heimweg


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