Institution

Ich war ein wenig von meiner Unsicherheit erschrocken. Zu bemerken, wie schwer es mir fällt, durch die Automatiktür des Wolkenkratzers mit der glänzenden, gläsernen Fassade zu gehen. Wie schwer mein Atem geworden war, wie wirr meine Gedanken. Ich schwitze, als ich mein Hemd unter dem Anzug zurechtzupfte und mein Blick hilflos durch das Rezeptionsfoyer streift. Hellblau. Die ganzen Armaturen, die Theke und die polierten Möbel leuchteten in futuristischem Hellblau oder in klinischem Weiß. Nur vereinzelte, mattschwarze Ledergarnituren brechen hier und da durch den Farbcode der Sitzbereiche und schaffen Akzente zwischen den komplett abgerundeten Formen und Flächen.

Eine etwas elektrischere Interpretation von Loungemusik pulsiert synkopiert zum Surren einer Kaffeemaschine, im leichten Off-Beat zum Brummen der Röhrenlampen an der Decke durch den Raum. Die Lobby wirkt geleckt sauber. Als hätte nie eine Krümel oder auch nur ein Fluse ihren Weg auf den neutralen, hellblauen Linoleumboden gefunden, es riecht nach Putzmittel und Kaffeebohnen. Kein Mensch am Empfang, kein Mensch auf den Sofas. Die Institution hatte mich für genau heute, genau jetzt hierher gebeten. Und ich kenne keinen der Leute hier persönlich, nur einen der Angestellten hatte ich bereits am Telefon gehört.

Entlang des Empfangs führt die Theke in einen anderen Teil des Erdgeschosses, aus dem mir verhallt das starre Echo von Stimmen entgegenschlägt. Mit hölzernen Schritten setzte ich mich dorthin in Bewegung. „Sie sind endlich da!“ „Hallo, Herr…“ „Steve. Steve. Kopf oder Zahl?“ „Wie bitte?“ „Kopf oder Zahl?“ „Kopf?“ Er flippte keine Münze, obwohl der schmierige Typ im glattgebügelten Billighemd mit Glatze und schlecht aufgesetztem Lächeln mir die Hand auf dem Handrücken angedeutet hat. So etwas wie eine Spielergeste, vermutlich. Er wirkt ein wenig so, als wäre die ganze Prozedur auswendig gelernt, aber nicht von ihm konzipiert, so dass er sich in der aufgeschneiderten Attitüde nicht recht wohlfühlen will. Aber das ist ja nicht meine Sache.

Ich höre ihm kaum zu, versuche, meine Anspannung zu vertreiben und stelle zunehmend fest, dass ich den Typen kaum einschätzen kann. Ich glaube, ich mag ihn nicht. Mag er mich? „Kopf also, hm? Gute Entscheidung. Sie haben den ersten Test bestanden. Folgen sie mir bitte in mein Büro.“ Er hat immer noch keine Münze geworfen, aber seine Stimme ist noch tonloser geworden, als hätte er meine Antipathie jetzt erst bemerkt. Beschäftigt zupft er einen Schokotaler mit dem Kopf von Gott auf der Vorder- und der Zahl „720“ auf der Rückseite aus seiner verwaschenen Blue Jeans und wirft ihn in den Papierkorb, bevor er eine Bürotür hinter ihm auftritt. Ich folge ihm und sehe im Vorbeigehen, dass der Papierkorb randvoll mir Schokotalern ist, tausend Götter blicken mich in atonaler Enttäuschung aus dem Müll an und ich erwidere ein gedachtes „Ich weiß doch“ aus dem Augenwinkel.

Alle vier Wände, die Decke und der Boden des Büros sind mit surrealen, detailverliebten Comic-Zeichungen von Gorillas gesäumt, die nackte Schulmädchen von Hochhäusern werfen. Ein Fan von alten Action-Filmen vermutlich. Keine Fenster, keine Schränke, nur ein billiger Ikeaschreibtisch im Zentrum, auf dem ein alter Röhrenmonitor und ein Formular liegen, als hätte sie irgendjemand dort vergessen. Steve setzt sich auf den einzigen Stuhl im Raum, ich stelle mich wortlos gegenüber. „Wissen sie, was unser Unternehmen herstellt?“ „Nein.“ „Wir stellen Uhrzeiger her. Halt – reden sie nicht weiter. Wir befinden uns hier in einem Vorstellungsgespräch.“

Steve schiebt mir die Formulare zu und zieht seine Hose aus. Auf dem uralten Röhrenmonitor reihen sich auf dem Desktop die Kachelvorschaubilder von Transvestiten-Pornos aus den siebziger Jahren aneinander. Ich sehe desinteressiert weg und widme mich dem Formular. Alle Aussagen stehen jeweils in den oberen linken Ecken des Papiers, Schriftgröße 14, Comic Sans. Manchmal sind willkürlich einzelne Buchstaben gefettet, kursiv oder unterstrichen. Ich überlege kurz, ob das einen Sinn haben könnte, erkenne aber kein Muster in ihrer Anordnung und beschließe, es einfach als ästhetische Missgeburt von irgendeinem Hurensohn zu interpretieren.

„Von den folgenden ‚Fragen‘ erhoffen wir uns, ableiten zu können, ob sie als ‚Arbeitskraft‘ für ‚heaven.inc‘ in Frage kommen“

Ich beginne den Fragebogen auszufüllen, während Steve mit Kennerblick den Monitor fixierend das Mausrad trillert. Es ist unangenehm, im Stehen zu Schreiben, aber es geht.

Benennen sie eine „Zahl“: Mit der 306 würden sie rechnen. Ich schrieb 023 in sauberen Lettern, behalte die Null davor bei. Ich hatte kurz die 720 oder die 515 erwägt, aber das kam mir dann doch zu generisch vor. Dezimal- oder Negativzahlen würden zu gewollt erscheinen, pi womöglich prätentiös. 023 ist sehr gut.

„Name“: ‚TBA‘

„Alter“: 27

„Größe“: 188

„Herkunft“: Tel Aviv

„Ziel“: Tallinn

„Was ist ihre Motivation, in unserem Unternehmen zu arbeiten?“ Ich schreibe den Todestag von Frank Zappa auf und male einen kleinen Penis daneben.

„Empfehlen sie einen Horrorfilm“: V/H/S 2.

„Wie stehen sie zu Abtreibung“ Ich argumentierte mit biologisch fundierten Fakten, die ich aus einem Artikel im letzten Guardian Magazine stehle.

„Benennen sie einen Buchstaben“ y

Eine „Farbe“: #202C30, ‚Drowsy Chemical‘

Ein „Wort“: ‚Auge‘

Ein „Satz“: Ich fahre Einrad

„’49,2 %‘ Sie sind nicht qualifiziert für die Institution.“

Ich seufze. Schon wieder.

Autorenbild unterm Text Yannick

Autor: Yannik Gölz

Beobachtung: Tinder.


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