Manchmal finden sich zwei

Ich sehe Marcel vollkommen orientierungslos auf einem Marktplatz stehen. So orientierungslos, dass ich den Eindruck habe, er weiß nicht einmal auf welches Bein er sein Gewicht verlagern soll. Um ihn herum schlendern in kleinen Grüppchen Studenten in Flomarktoptik, stolzieren gewichtige Geschäftsleute mit schwingenden Aktenköffern, flanieren zaghaft beige Rentner und großäugige Einjährige taumeln auf ihre augenringbeladenen Eltern zu. Unbeholfen dreht sich Marcel erst nach links, wo ein pompöser Brunnen hoheitsvoll Wasser ins Wasser speit, und als ihm dazu nichts einfällt, wendet er sich nach rechts, wo hinter dem eindrucksvoll restaurierten Rathaus die Frühlingssonne hervorlacht und die abgetretenen Pflastersteine zum Glänzen bringt. Er sieht das Fahrrad schon, als es auf der anderen Seite des Marktplatzes aus einer schmalen Gasse herausgezuckelt kommt. Es ist ein ziemlich altes Fahrrad mit verbogenen Speichen, auf dessen Sattel sich ein adrettes Fräulein in einem rot-weiß-gepunkteten Kleid gerade eine Mücke aus dem Auge pflückt und dabei bedenklich mit dem Lenker hin und her schwankt. Bevor ihm einfällt, wie er dieser wunderschönen Möglichkeit am besten auf intellektuelle Art und Weiße ihre wunderbaren Beine erklärt, ist sie schon wieder im Dschungel der Altstadt verschwunden und er bleibt benommen zurück.

„Wohin…? — Woher…?“, stammelt er, sich an der zarten Spärlichkeit seines Haarwuchses reibend, und verheddert sich daraufhin, den Anflug einer verwirrten Taube wegfuchtelnd, in seinen langen Gliedern. ‚Ich steh heut schlecht im Schuh‘, denkt er sich, und da hört er es sich wieder nähern, das schrottig-rostige Blechquietschen, von dem ‚der Drahtesel‘ wohl einst seinen Namen bezog, unentscheidbar, ob es von einer bei jedem Holpersteinchen sich verselbstständigenden Klingel, einer ins Schutzblech verirrten Speiche oder einem ausgelassen eiernden Radlauf herrührt. Die Mademoiselle schlenkert aus ebenselber Gasse wieder heraus, in die sie eben hineingeschlingert war. Marcels Herzschlag galoppiert, schnell ordnet er seine Gliedmaßen.

Quiigsch – quiigsch – quiigsch – Stille.

„Nanu?“ fragt er die von Punkten umschmeichelten Beine, die vor ihm stehenbleiben.

„Na huch. Verfahren!“, haucht sie mit der Gleichgültigkeit einer regelmäßig Verirrten und sieht flüchtig auf die alte Armbanduhr am schmalen Handgelenk. „Na huch, kaputt!“

Auf ihrem Gepäckträger sitzt eine unaufgeräumt aufklaffende Korbtasche, einer der Henkel hängt so weit herunter, dass er die Speichen streift. Aus dem Inneren lugt Dürrenmatts ‚Grieche sucht Griechin‘ hervor und auch eine Stange Lauch.

„Lauch also“, denkt er laut und macht zur intellektuellen Aufwertung seiner Erkenntnis eine wissenschaftliche Miene.

„Und Bagwette. Zum Überbacken. – Lauch-Bagwette!“

Mit einer vorsichtig umständlichen Geste, um den Eindruck eines Diebstahls zu vermeiden, rückt er ihre Korbtasche auf dem Gepäckträger wieder zurecht. Dann bückt er sich voll balzenden Überschwangs, pfriemelt seinen rechten Schnürsenkel aus den Löchern und verknotet damit die beiden Taschenhenkel.

„Das hätten wir“, nickt er fachmännisch; das Fräulein strahlt.

Ihrerseits holt sie ein Pflaster aus der Rocktasche und klebt es vorsichtig auf seine Wange, dorthin, wo er sich bei der Abwehr der Sturzflugtaube wohl selbst gekratzt hatte.

„Das hätten wir“, nickt sie kundig und Marcel, dem wird es ganz innen ganz warm:

„Da wuppert mir die Kawumme…“

„Ich bin spät dran. Jedenfalls nehme ich das an.“, erklärt sie.

„Aber du bist doch schon da“, kokettiert er. In Gedanken hört er das sich aufbäumende Geräusch von einem durchstartenden Rennauto.

„Stimmt.“

„Vielleicht bleibst du besser da, wo du schon pünktlich bist, anstatt dort hinzugehen, wo du dann unpünktlich bist?“

„Da wird ein Schuh draus. Ohne Arme keine Kekse: Vielleicht nehmen wir da drüben ein Kartoffelkratien?“

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Autor: Anika Kaiser

Beobachtung: Ein Marktplatzgetümmel


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