Der Opferhirsch

In einem kleinen Waldstück nahe meines Hauses lebt ein großer Hirschbock. Sein Geweih ist fabelhaft groß, zeigt schillernd weiß in alle Richtungen wenn er den Kopf wendet, zerfetzt Luft und Zweige wenn er läuft. Nun sah ich dieses Tier eines Spazierganges am Rand des Waldstücks und war ehrerbietig hingerissen von seiner Erscheinung und Majestät. Sein schwarzes Fell fing meinen Blick, seine Augen beschauten mich bewusst und hell, er stand keine zehn Meter weit von mir entfernt, als er sich umdrehte und ging. Ich blickte ihm lange nach, vom Menschlichen her dazu verführt, ihm zu folgen, animalisch brennend dazu angehalten, mich nicht zu bewegen. In seinem Geweih hätte ich spielend Platz gefunden.

Von da an geschah es mir oft, dass ich ihm begegnete, es schien fast als suche er mich auf, mich gefällig und drängend in meiner Ehrfurcht vor ihm zu betrachten, um dann wieder zu verschwinden. Mir kam sein Fell wie Federn vor, seine Hufe immer wenige Zentimeter über dem Boden, stets etwas nach oben gezogen von seinem schwarzen Umhang. Und nun, von diesem Gedanken selbst beflügelt, begann ich, immer wenn ich zuhause war, an ihm zu malen, malte mir aus, wo wohl sein Hort und wie dieser beschaffen wäre, wie seine Familie, sein Blut aussähe, was er esse, wo er für gewöhnlich gehe und, Gnade mir Gott, ob er wohl noch andere Bekanntschaften zu Weggefährten unterhalte, die er genauso ansah wie mich. Mit seinen ruchlos tiefschweren Augen, deren Last ich immer lieber trug. Und so malte ich ihn, im Kreise seiner Freunde, zwischen großen, verzierten Futterschalen voller roter Beeren, ornamentbedeckt und nackt, zwischen grünen und welkenden Zweigen, umgeben von Dingen und Wesen, die kleiner und schwächer waren als er, die er aus Goßmut und bekannter Überlegenheit oder durch den Mangel an jeglichem Anlass zum Gegenteil in ihrem schmalen Dasein gütig und wachend gewähren ließ. Aber immer war er umgeben von seinen langkieligen Federn, bei jeder Bewegung begleitet und umwölkt von dem Tau, der stets seine bebenden Flanken bedeckte und schon beim leisesten Wenden seines Kopfes in feinen Tropfen auf der Erde und den Baumstämmen um ihn her zerstob.

So kam es, dass ich fast täglich in den Wald ging und den Hirsch auch fast jedes Mal antraf, der mich immer noch so seltsam undeutbar anschaute wie ein Magister seinen unerfahrenen Zögling. Nach einigen Wochen war mein kleines, holzgetäfeltes Zimmer, in dem ich hauste, voll von meinem Hirsch. Die Wände vollständig bedeckt. Hier Skizzen, Gemälde und Portraits, braun und tief und schwarz und vereinzelt weiß. Dort einzelne Ausschnitte seines Geweihs, denn es war bei Weitem zu groß, um es im Ganzen festzuhalten. Kinder und Gefährten des Hirsches, und ich, der ihn betrachtete, mal innerhalb, mal ausserhalb der Bilder. So ich mein Zimmer betrat, atmete ich Wald und Flur, hörte schwingende, tiefe Töne aus der Erde, sah ich den Wald, wie ich ihn nie erlebt hatte.

Ich verließ mein Zimmer immer seltener und lebte mit meinem gekrönten Götzen zusammen wie mit einer liebenden, dunkelschönen Frau. Über all das Dasein neben und das Kontemplieren über meinen Hirsch, fiel mir irgendwann mit Schrecken auf, dass ich nur noch ihn kannte, die ganze Welt blass um ihn wurde. Das war mir nicht genug, ich musste ihn wieder sehen. Ich war zu lange von ihm fort gewesen, hatte noch immer nicht sein Gefolge kennengelernt, war selbst nicht Teil davon, nur im Geiste.War ihm eben doch noch nie gefolgt, hatte mich nie über den Betrachter erhoben. Mit dieser Erkenntnis begann ich wieder in den Wald zu gehen, was mich immense Kraft kostete. Sooft ich mein Zimmer verließ, fühlte ich mich taub und geblendet, mit Macht zurückgerufen, verfolgt und verlassen durch die Welt taumelnd. Ich empfand Grauen darüber, fort von meinen Bildern zu sein, die aber doch nicht mehr werden wollten in letzter Zeit, was sie aber unbedingt mussten. Also musste ich zurück zu ihrem Schöpfer und Urbild, wenn sie neu und keine Kopien sein wollten. Kopien hatten nun wirklich keinen Wert.

Täglich ging ich nun wieder in den Wald, unter größten Anstrengungen, ihn zu treffen und diesmal, ja diesmal wahrlich ihm zu folgen und tatsächlich zum Begleiter und Jünger zu werden von diesem Noblen, der so viel älter war als ich selbst. Doch war er nicht anzutreffen, zeigte sich mir nicht, auch nach Wochen nicht, in denen ich immer stiller und befangener wurde, lange Finger auf der Haut fühlte. Schreine begann ich zu errichten, den ersten und größten von ihnen an der Stelle unseres ersten Treffens, alle nach Vorbild meiner Bilder, verbrachte Tage und Nächte damit an auf ihnen zu warten und durch den Wald zu irren. Alles vergebens. Ich spürte wohl wie meine Kräfte nachließen , wie ich krank wurde, etwas sich an mir bediente, wie ich begann zu trauern. Zuflucht suchte ich erneut bei meinen Bildern, starrte sie stundenlang an, fand sie nicht, entdeckte nur Moder an ihren Ecken, ihren Übergang in etwas Anderes, schwergängig Klobiges, Triviales. Etwas kränklich Schwächendes saß in ihren Farben. Lange hatte ich an etwas Edles in der Krankheit geglaubt, ein alter Jugendirrtum, der seinen Ursprung in überaus gesunden Zeiten hat. Was ich lernte, war das Gegenteil. Wenn etwas befallen ist, namentlich der Mensch und alles was ihm ähnlich ist, ist er nur noch weiches Fleisch, Objekt und Ziel von etwas Fremden und erschütternd Starkem. Bedeutet Leben Gleichmäßigkeit der Form durch die Zeit, so starben meine Bilder einen langsamen Tod an dem Moder, der sich nicht bekämpfen ließ, sich weiß und stinkend ihre Gestalt einverleibte und meinen Hirsch welken ließ. Und ich zerfiel mit ihm, im Kern meines Wesens faulend. Mein privater Tempel war korrumpiert und usurpiert von Schimmel, Pilzen, Feuchtigkeit und Sporen die in der Luft tanzend mich verhöhnten. Und doch musste ich atmen, mich aussetzen. Während mein Hirsch sich immer weiter verzerrte und entfremdete, begann ich zu begreifen, dass ich nahe an der vielbesungenen Schwelle stand. Meinem Hirsch nun völlig unähnlich griff und zog mich etwas, das jenseits aller Form, Kraft und Leben war. Und plötzlich, ich schleppte mich mit rasselnden Lungen durch den Wald, war gerade an meinen schönsten Schrein gekommen, sah ich im abendlichen Nebel eine Gestalt, die nur er sein konnte. Durch den Schleier meiner Tränen brechend stand da ein Hirschbock und bediente sich an den Beeren, die ich stets als ehrfürchtige Gaben an ihn, und nur ihn anrichtete. Inbrünstig lief ich auf ihn zu, da nur er mich retten konnte, das wussten wir beide, die Arme weit geöffnet ihn nie wieder ziehen zu lassen. Hinter mir lag nur der Tod. Ich gehe langsam und bestimmt durch mein Zimmer, streiche Staub von einer länglichen Kiste, die letzte Hinterlassenschaft meines Vaters, ziehe das Jagdgewehr heraus, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte, jetzt weiß ich es besser. Ich reinige es, erinnere mich seit langer Zeit der frühen Jahre als ich zur Jagd gezwungen Tier um Tier, Hirsch um Hirsch, Schwächeres als mich, erschießen musste. Sie wussten nie was sie traf, starben jenseits des Wissens um ihren Richter. Ich präge mir die alten Lektionen meines Vaters ein: Bestimmtheit und Ruhe, Demut in der Überlegenheit. Als ich wieder daran denken muss, wie das dumme Tier mich aus stumpfen Augen anstarrte, mit schlichtem braunen Fell, ein großes Geweih zwar, aber nichts von dem es sich zu erzählen lohnt, so schwach, zerbrechlich und nichtig in der eigenen Existenz, erbreche ich erneut bei leerem Magen. So wie ich es schon bei meinem Schrein getan, so schwach. Das dumpfe Wesen hatte mich nur eine Weile angeschaut und war dann angstvoll verschwunden. Es hatte von den Beeren gegessen, die wohl auch seine waren, nun stellte ich sie allen Hungrigen zur Verfügung. Es schüttelte mich im Ekel ein letztes Mal. Das Gewehr geschultert gehe ich knirschenden und brechenden Laubes zurück in den Wald. Die Erde ist ausgedörrt. Ich bemerke, ich habe nur eine Kugel.

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Autor: J.H.Z.

Beobachtung: Ein Hirsch beim Waldspaziergang


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