Kreidekrokodile?

Titelbilder (6)

Ich beobachte gerne Menschen. Ich meine, es ist so, wenn ich Menschen beobachte, dann habe ich manchmal das Gefühl, losgelöst zu sein. Losgelöst von mir und meinen Problemen. Losgelöst von meinem Alltag und den dortigen Pflichten. Losgelöst und freischwebend im Raum. Es erscheint mir, wenn ich andere Menschen beobachte, dass ich selbst zu schwinden beginne. Mich aufzulösen, nach und nach. Ganz langsam, aber unaufhaltsam. Erst werden die Fingerspitzen unsichtbar, dann folgt die Nase und weiter geht es mit den Füßen, den Beinen und Armen, bis schließlich, schließlich nichts von mir übrig ist. Ich bin dann verschwunden, verschwunden und in der Betrachtung der anderen Menschen aufgegangen. Ihr Aussehen, ihre vermeintlichen Gedanken und Gefühle, ihre Haltungen und Gesichtsausdrücke scheinen sich auf meine Haut gebrannt zu haben wie Tattoos und diese scheinen mich zu verbrennen bis ich mich völlig auflöse. Ich muss sagen, dass ich den Herbst und den Winter dem Sommer und Frühling doch vorziehe – beim Beobachten versteht sich. Nun … ich werde es dir erklären: Im Frühling und im Sommer da kommen mir die Menschen ganz anders vor als im Winter und im Herbst. In den leichten Jahreszeiten, da scheinen die Menschen manchmal eine Art Maske aufgesetzt zu haben. Eine Maske, welche immer zu lachen scheint. Kurze Hosen, leichte Röcke und schwingende Kleider. Im Café, auf der Straße und im Park. Alles ist leicht. Alles ist befreit. Alles ist schön. Jeder will sich verlieren und Spaß haben. Jeder möchte leben und das so schnell wie möglich. Im Sommer und im Frühling, da erscheint die Welt weit und kein Mensch möchte sich mit schlechten oder schwierigen Gedanken plagen. Jeder will leicht sein. Im Herbst und im Winter ist das anders. Zu diesen Zeiten wirken viele Menschen in sich gekehrt. Ihre Augen werden dumpf und die Mundwinkel ziehen sich nach unten. Die Gedanken werden tiefsinniger. Es ist die Zeit der warmen Schals und der dampfenden Teetassen. Zu dieser Zeit scheinen die Empfindungen aller durch den Raum zu fliegen, mit schweren, dicken Flügeln. Normalerweise mag ich die Kälte nicht – wer würde denn schon freiwillig frieren? Doch … vielleicht bin ich selbst oft kein fröhlicher Mensch, deswegen fühle ich mich im Herbst und im Winter wohler. Dort kann ich meinen Gedanken nachhängen, ohne trübsinnig zu wirken, denn zu dieser Zeit sind auch die Gedanken der anderen schwerer. Das mag vielleicht eine merkwürdige Ansicht sein, aber vielleicht bin ich auch ein merkwürdiger Mensch. Könnte es eine neue Jahreszeit geben, eine Jahreszeit mit der Stimmung des Herbstes und des Winters und den Temperaturen des Frühlings und Sommers, dann würde ich diese zu meiner Lieblingsjahreszeit krönen – dessen kannst du dir sicher sein! Wenn man verschiedene Menschen beobachtet, dann kann man einiges erleben und erfahren. Über andere erfahren und über sich selbst. Ich möchte dir darüber eine kleine Geschichte erzählen, denn heute bin ich etwas redselig und mir ist sentimental zu Mute – ich hoffe, dass du das entschuldigst. Es war Herbst – wie hätte es anders sein können? – und ich lief durch die Straßen der Stadt. Der Himmel war grau, denn es hatte die ganze Nacht geregnet und auf dem Asphalt spiegelten sich verschwommen die Umrisse der Häuser. Mit gesenkten Köpfen eilten die Menschen an mir vorbei. Ihre Haare verbargen sie unter weißen Mützen und die Nasenspitzen versteckten sich unter den buntgemusterten Schals. Jeder wollte so schnell wie möglich nach drinnen und es war ihnen egal, ob es ein Restaurant, ein Geschäft oder das eigene zu Hause war. Hauptsache es war warm und kein kalter Wind konnte mehr an dem Mantel ziehen und Blätter ins Gesicht wehen. Ich würde es als einen fast typischen Herbsttag bezeichnen – ein Herbsttag wie er im Buche steht. Ich hatte meine Hände in den Hosentaschen vergraben, damit der frostige Wind ihnen nichts antun konnte. Meine Füße schlurften über die Straße und wirbelten die bunten Blätter auf. Ein raschelndes Geräusch begleitete mich. An einer Bank, einer einsamen Bank, die einfach so am Straßenrand stand und mir zuzuwinken schien (wenn sie Hände gehabt hätte), blieb ich stehen und sah mich um. Keiner beachtete mich. Vielleicht sollte ich … Warum nicht … Ich ließ mich auf der Bank nieder. Sie war kühl und bestimmt nass, ganz bestimmt, ganz bestimmt werde ich, wenn ich später aufstehe, einen nassen Fleck haben. Einen dunklen Fleck auf meiner hellen Jeans. Na toll … Das konnte auch nur mir passieren, oder? Doch … nun saß ich einmal. Die Unterarme legte ich auf meine Knie und unauffällig ließ ich meinen Blick über die Straße gleiten. Vor mir konnte ich eine grüne Tür sehen, ihre Farbe blätterte schon ab. Immer und immer wieder liefen Menschen mit schnellen und präzisen Schritten an mir und der Tür vorbei. Als ich meine Augen leicht zusammenkniff schienen zu einem Streifen zu verschwimmen, fast wie kleine Sternschnuppen, welche abends über den nachtschwarzen Himmel flogen. Ob ich mir nun auch was wünschen konnte …? Wer wusste das schon? Ein Wunsch konnte schon nicht schaden. Er ist eher wie ein kleines Geschenk, welches man aufpackt und welches dann in den Himmel entschwebt. Wir können ihm nur zu winken und wünschen, dass er in Erfüllung geht. „Entschuldigen Sie bitte …?“, erklang plötzlich eine Stimme neben mir. Erschrocken zuckte ich zusammen, blinzelte verschreckt und sah mich um. Neben mir beugte sich ein Mann zu mir herunter. Er sah sehr gepflegt aus in seinem grauen, anscheinend maßgeschneiderten Anzug, der gestreiften Krawatte und den sorgfältig zurück gekämmten schwarzen Haaren. „Entschuldigen Sie …“, wiederholte der Mann sich. Verdutzt nickte ich nur. Natürlich, entschuldigte ich. Ich entschuldige doch immer. Ich entschuldige mich auch die ganze Zeit. Entschuldigung. Tut mir leid. Das war nicht so gemeint. Das sind auf jeden Fall keine Fremdwörter für mich. Ich nickte, natürlich mit offenem Mund, denn Eleganz liegt mir, wie du wohl bemerkt hast, nicht. „Ich wollte Sie etwas fragen, weil Sie hier so sitzen. Sie wissen schon … die anderen gehen so schnell wie sie nur können, aber Sie sitzen so hier, in Ihren Gedanken. Ich hoffe, dass ich Sie nicht störe. Aber … ich hätte da eine Frage …“ Nervös rückte der Mann seine schon gerade Krawatte zu Recht. „Welche Frage denn?“, murmelte ich und blickte verlegen nach unten. „Nun … Es mag nach einer ungewöhnlichen Frage klingen – normalerweise stelle ich keine solche Fragen – doch ich muss sie einfach stellen, weil … nun ja … weil ich eben gerade daran gedacht habe als ich Sie hier sitzen sah, so in Ihren Gedanken versunken, Sie wissen schon. Ich wollte Sie fragen, ob Sie noch hüpfen können?“. Hüpfen? Was war das für eine Frage? Natürlich konnte ich das noch! Das konnte doch jedes kleine Kind, oder? Also wirklich … „Ich denke-“, fing ich an, doch dann stoppte ich. Der Blick aus den blauen Augen des Mannes ließ mich innehalten. War das wirklich so einfach? War denn Hüpfen nur die Bewegung unseres Körpers? Ein physikalischer Vorgang? In mir begann es zu kribbeln. An meinen Fußspitzen fing es an und hörte in der Magengegend auf. Ich schüttelte unbewusst den Kopf. „Also nicht? Und ich dachte gerade Sie … weil Sie ja so hier sitzen … so in Ihren Gedanken versunken … Ich meine, da dachte ich, dass gerade Sie hüpfen könnten, denn hüpfen … Denn hüpfen müssen Sie wissen ist wichtig, viel wichtiger als sich alle Menschen vorstellen. Kinder wissen wie wichtig das Hüpfen ist, denn Hüpfen macht gute Laune! Früher … früher konnte ich auch hüpfen – als kleiner Junge. Da bin ich, als ich mit meinem großen Bruder zusammen Milch einkaufen sollte, damals noch mit einer schweren Milchkanne, den ganzen Weg entlang gehüpft. Wir haben immer gespielt, wer denn weiter springen konnte, über die ganzen Kreidekrokodile hinweg, die sich auf der Straße geschickt getarnt hatten. Das haben wir immer gespielt, mein Bruder und ich. Doch heute … heute habe ich das Hüpfen verlernt und ich weiß nicht einmal wann das gewesen war. War es als ich anfing nicht mehr die gefährlichen Kreidekrokodile zu sehen oder erst als mein Bruder und ich uns immer weniger zu sagen hatten bis wir irgendwann ganz schwiegen – sogar auf der Beerdigung unserer Eltern. Ich weiß es wirklich nicht, ich weiß nur, dass ich das Hüpfen verlernt habe. Ich habe es verlernt und dachte … ja ich dachte, dass Sie es mir vielleicht beibringen könnten, denn Sie sitzen hier so, hier in Ihren Gedanken versunken … Ich möchte doch nur mal wieder hüpfen. Hüpfen über die Kreidekrokodile, denn ich weiß ganz genau, dass sie hier irgendwo noch lauern, irgendwo …“ All diese Worte sprudelten nur so aus dem Mann heraus. Die ausschweifenden Gesten und seine sich überschlagende Stimme unterstrichen die Aufgeregtheit des Mannes nur. Ich hörte ihm zu, doch bevor ich irgendwas sagen konnte, da klingelte das Handy des Mannes. Er warf einen raschen Blick darauf, es war das neueste Modell, wie ich zu erkennen meinte. Dann entschuldigte er sich rasch mich gestört zu haben, schüttelte mir die Hand und verschwand. Verschwand in der Masse und verfloss mit ihr. Wie erstarrt blieb ich sitzen. Was war das gewesen? Mein Herz schien mit einem Male langsamer zu schlagen und ich seufzte leise auf. Konnte ich noch hüpfen oder hatte ich es auch verlernt, wie der Mann? Vielleicht sollte ich es einfach mal ausprobieren. Vorsichtig, als würde ich das Laufen wieder lernen, stand ich auf – natürlich mit dunklem Fleck auf der Jeans. Auf einem Bein oder auf zwei hüpfen? Hoch oder eher doch weit? Mehr … oder …? Stopp! Genau hier musste das Problem liegen! Ich richtete mich gerade auf. In manchen Situationen durfte man nicht zu viel nachdenken, denn manchmal musste man handeln, einfach handeln, aus dem Bauch heraus. Hüpfen konnte man nicht beschreiben – auch wenn es eine physikalische Bewegung war. Man musste es tun. Man musste hüpfen. Wie sollte man sonst den Kreidekrokodilen entkommen? Und so hüpfte ich. Das erste Mal seit vielen Jahren wieder. Ich hüpfte und war dabei. Dabei mit dem Kopf, dabei mit dem Bauch und dabei mit den Füßen. Ich hüpfte und hüpfte. Ich hüpfte den ganzen Weg nach Hause und kümmerte mich nicht um die schrägen Blicke der Menschen, an denen ich vorbei hüpfte. Sollten sie doch denken was sie wollten! Ich konnte hüpfen. Konnten sie das denn? Als ich an meiner Haustür ankam, sah ich mich um und erschrak. Hinter einem kahlen Baum konnte ich die Schwanzspitze eines Kreidekrokodiles entdecken. Da versteckte sich also eines und wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, um mich anzugreifen! Der Mann hatte also Recht! Es gab sie doch … Ich sprang schnell über die Schwelle, schloss die Tür hinter mir und sank auf den Boden. Dort begann ich herzhaft zu lachen. Kreidekrokodile und Hüpfen! Was für ein Tag! Einen kleinen Wehmutstropfen gab es doch … Der Mann wusste nicht, dass es die Kreidekrokodile gab und ich hatte ihm nicht das Hüpfen beigebracht. Das hätte ich doch machen können … Ich hätte ihm doch helfen können … Ich biss mir auf meine Unterlippe und nahm mir für den morgigen Tag etwas fest vor: ich würde wieder zu der Bank hüpfen – natürlich nur vorsichtig, damit kein Kreidekrokodil mich erwischen konnte – und auf den Mann warten, wenn es nötig sein würde, dann würde ich jeden Tag zu der Bank hüpfen und auf ihn warten, denn schließlich musste ich ihm ja das Hüpfen wieder beibringen und mit ihm die Kreidekrokodile bekämpfen.

Autorenbild unterm Text Saskia

Autor: Saskia Dreßler

Beobachtung: Ein Gehweg voller Krokodile aus Kreide


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