Titelbilder (5)

„Riiing“. Es klingelt, ich bin verwundert, es ist Samstagmittag und ich erwarte niemanden. Ich liege auf der Couch und schaue irgendeine Folge irgendeiner Serie, was mich daran hindert, das zu tun was ich tun muss oder tun will. Die Kluft zwischen dem, was ich tun muss aber wirklich nicht will und dem, was ich will aber erst tun kann oder sollte, wenn ich das, was ich tun muss, erledigt habe, scheint mir so unüberwindbar, dass ich meine Tage wie gelähmt auf der Couch verbringe und meine Zeit damit totschlage weder das eine noch das andere zu machen. Ich bilde mir ein, ich muss erst, etwas von dem, was ich tun muss erledigen bevor ich mich mit etwas, dass ich tun will, belohnen kann. Der Schuss geht nach hinten los, denn dadurch erledige ich gar nichts und lasse die Tage ungenutzt an mir vorüberziehen.

„Riiing“. Es klingelt ein zweites Mal, ich drücke auf Pause und noch bevor ich mich von der Couch erheben und zur Tür laufen kann, schneit sie zur Tür herein. Sie ist wie ein Wirbelwind, alles scheint um sie herum zu wirbeln um dann, unverändert und doch ganz anderes, wieder an seinen Platz zurück zu finden.

„Morgen Schätzchen“, singt sie mit ihren perfekt geschminkten Lippen und schließt mit einer schwungvollen Drehung die Tür hinter sich. Ihre Aura nimmt den ganzen Raum ein, das Licht wechselt von einem trostlosen Grau zu einem glänzenden Gold. Sie nennt alle Schätzchen oder Mäuschen, sie hat eine Vielzahl solcher mehr oder weniger liebevollen Kosenamen; einen für jede Gelegenheit, Freunde und Freundinnen, enge und flüchtigere Bekannte. Es gibt eine Graduierung und obwohl wir uns schon ewig kennen, habe ich die Abstufungen noch nicht durchschaut.

„Morgen“, grummle ich und setze mich auf. Sie hat zwei Kaffee dabei, aus dem Café über dem ihre Wohnung liegt, eines der wenigen Cafés in dieser Stadt, die wirklich guten Kaffee anbieten. Ich glaube, das ist auch der Grund warum sie sich damals für diese Wohnung entschieden hat. Sie durchquert meine kleine Wohnung, ihr langes Kleid weht um ihre Beine, sie trägt Heels und sieht, wie immer, fantastisch aus. Ich weiß nicht wie sie das macht, bei ihr sieht das alles so mühelos aus.

Sie setzt sich neben mich auf die Couch, kickt ihre Heels von den Füßen und schlägt die Beine übereinander. Sie passt irgendwie nicht auf diese Couch, genauso wenig wie sie in meine Wohnung oder in diese Kleinstadt passt, sie ist viel zu mondän für ihre Umgebung, aber sie strahlt so eine Selbstverständlichkeit aus, dass sie trotz allem nicht fehl am Platz wirkt.

„Danke“ sage ich, als sie mir meinen Kaffee gibt.

Sie kräuselt ihre Lippen und lächelt mich verschmitzt an. Ich nehme einen Schluck und sinke glücklich in die Polster der Couch zurück. Sie steht auf die Klassiker, Espresso, Cappuccino, Latte Macchiato, das ist auch schon ihre ganze Kaffeeauswahl. Sie sagt immer, ein guter Kaffee brauche keinen Firlefanz, diese ganzen modernen Kaffeevariationen gäbe es nur um über schlechten Kaffee hinwegzutäuschen. Ich muss ihr recht geben, auch wenn ich diesen schicken Namen oft nicht widerstehen kann und mich von den Verheißungen, die ein Caramel Macchiato oder eine Flavored Latte mit Vanille- oder Kokos- oder Macadamiasirup für mich bereithält, verführen lasse. Dafür zahle ich schon mal den doppelten Preis als für den Klassiker um dann bereits beim ersten Schluck festzustellen, dass dieses Getränk mit Kaffeegenuss nichts mehr zu tun hat. Und jedes Mal ärgere ich mich aufs Neue, dass ich mich von den schicken Namen und ihren Verheißungen habe einlullen lassen. Sie tätschelt meinen Oberschenkel und reist mich damit aus meinen Kaffeetagträumen.

„Und meine Liebe, was hält das Leben heute für dich bereit?“

„Nicht viel“, murmle ich während ich mich hinter meinem Kaffeebecher verstecke, „ich muss dringend ein paar Dinge erledigen.“

„Das hört sich ja spaßig an.“ Sie verzieht ihre Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln.

„Ich muss einen Berg an Unterlagen durcharbeiten.“, ich zeige auf den Stapel Papiere, der seit Wochen auf meinem Schreibtisch liegt und stetig wächst. „Außerdem muss ich noch eine Arbeit fertigstellen und die Wohnung muss auch mal wieder geputzt werden.“

„Und warum liegst du dann auf der Couch und schaust… Was genau an?“, sie linst auf den Bildschirm meines Laptops, der auf der Kiste steht, welche mir seit meinem Einzug vor einem Jahr als provisorischer Couchtisch dient. Dieser lausige Versuch meine trostlose Tagesplanung zu rechtfertigen scheint sie nicht überzeugt zu haben.

Ich klappe schnell den Laptop zu. „Was hast du denn heute tolles vor?“

Sie zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. „Ich hatte vor ins Kino zu gehen, sie zeigen einen Woody Allen.“ Selbst bei Filmen steht sie auf Klassiker.

„Mit wem gehst du?“ Sicher hat sie wieder jemanden kennengelernt, der genauso fasziniert von ihr ist, wie ich und all die Typen vor ihm, die mit jeder erdenkbaren Masche versuchten Eindruck bei ihr zu schinden.

„Mit niemandem. Willst du mit?“

„Wie mit niemandem? Gehst du etwa alleine?!“ Ich schaue sie ungläubig an, wer geht denn alleine ins Kino?

Sie schaut mich an und lacht dieses helle, warme Lachen, das ihr ganz eigen ist. „Warum denn nicht?“

„Das machen doch nur seltsame, einsame Menschen ohne Freunde.“

„So ein Quatsch! Ich brauche doch keine Begleitung um ins Kino zu gehen, während dem Film redet man sowieso nicht.“ Das stimmt zwar, aber alleine ins Kino gehen würde ich mich trotzdem nicht trauen.

„Aber ist dir das nicht unangenehm, was die anderen wohl denken, wenn sie sehen, dass du ganz alleine dort bist?“

„Pfft“ sie schnaubt verächtlich, „Die können meinetwegen denken was sie wollen, spätestens in einer Woche haben die das und mich sowieso vergessen.“

„Hmm…“ Ich bewundere ihre Gleichgültigkeit und wünschte, ich könnte diese Stimmen in meinem Kopf ausschalten und so selbstverständlich alleine ins Kino gehen wie sie.

„Also? Kommst du mit?“

„Ich weiß nicht, ich muss noch so viel machen. Ich würde schon gerne, aber wenn ich mitkomme bekomme ich das heute bestimmt nicht mehr auf die Reihe.“

Sie schaut mich an und wie so oft habe ich das Gefühl, dass sie mit diesen großen Augen bis in den verborgensten Winkel meiner Seele blickt, während ich in ihren Augen zwar ihre Tiefgründigkeit erahne aber nie auch nur einen Blick auf den Grund erhaschen werde.

„Tut mir leid“, sage ich geknickt, „ich muss das wirklich erledigen, aber vielleicht können wir uns heute Abend auf einen Drink treffen?“

„Ja na klar“, ihre Stimme klingt fröhlich, es scheint ihr wirklich nichts auszumachen alleine zu gehen. „Ich melde mich nach der Vorstellung.“ Sie steht auf, wirft mir eine Kusshand zu und weht genauso schnell aus meiner Wohnung hinaus wie sie hereinkam.

Als sie die Tür hinter sich schließt nimmt sie das glänzend goldene Licht mit sich und lässt mich im trostlosen Grau zurück. Nachdem sie meine Wohnung verlassen hat schaue ich ihr noch einen Moment nach. Ich beneide sie für ihren Tatendrang, für ihre Leidenschaft, für ihre Art die Dinge, die Menschen, die Welt zu betrachten. Doch am meisten bewundere ich sie für ihre Unabhängigkeit, sie scheint alles alleine machen zu können und niemanden zu brauchen und trotzdem gibt sie einem stets das Gefühl gebraucht zu werden und wichtig zu sein.

Einen kurzen Augenblick stelle ich mir vor, wie mein Leben wäre, wenn ich etwas mehr wie sie wäre. Ich sehe mich in fremden Ländern mir unbekannte Gerichte essen, durch die Straßen von London, Barcelona oder Venedig streifen und den Sonnenaufgang an einem einsamen Strand einer griechischen Insel genießen, alleine aber niemals einsam.

Ich klappe den Laptop wieder auf und drücke auf Play.

Autorenfoto unterm Text sophia

Autor: Sophia So

Beobachtung: Wieder ein Sofaabend


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