Titelbilder (2)

2017, voranschreitende Optimierung der Welt. Es ist eine ganze Weile her, seit der Elfenbeinturm in die Geschichte hinausgerufen hat, aber die Eulen flogen irgendwann mit Antworten beladen wieder ins Haus. Hinter dem Torwächter sitzt nun ein Marketingteam mit einem diversen Cast an PR-Spezialisten, die die Generationenmanifeste von so etwa zweieinhalbtausend Jahren Menschheit auswerten.

Die Stimmung ist ausgelassen, man trinkt Champagner und isst Schnittchen, es sind zwar eine ganze Menge Texte, aber der Algorithmus ist bereits aufgesetzt. Jetzt muss man die Nullen und Einsen nur noch rattern lassen, dann lässt sich das Fazit destillieren und hübsch aufbereiten.

Man freut sich darauf. Endlich können Politiker und Ökonomen ihr gemeinsames Versprechen beim Volk einlösen, die Elite abzuschaffen. Donald Trump wird die Antrittsrede halten, nostalgisch verkleidet als Krusty der Clown. Er schlendert an den Marketingleuten vorbei und will sich eine Marlborozigarette anstecken. Auf dem Weg zur Tür geht er nochmal seine große Rede durch. „Die Philosophie war erfolgreich! Die Kunst war erfolgreich! Die Soziologie war erfolgreich! Die Geschichte war erfolgreich! Wir haben die Sinnfragen nun endlich geklärt!“

Ich liege im frisch gemähten Rasen, glotze auf mein Handy. Trump huscht durch das Tor und stellt sich leger neben den Torwächter. Es ist das erste Mal, dass ich seine Stimme höre, als er in nasalem Tonfall murmelt: „Na, Chefchen? Alles gut? Was machen die Kinder?“ Donald beachtet ihn nicht, zieht an seiner Zigarette, schaut etwas angewidert auf meinen Kumpel.

„Oh, der liegt hier schon eine Weile.“, murmele ich, „man hat ihn nicht reingelassen“. „Oh, Kay“, gibt Donald zurück. Er rümpft die Nase, aber feuern kann er ihn jetzt auch nicht mehr, er feuert die Kippe. „Und du?“ fragt er desinteressiert.

„Mich haben sie hier auch nicht reingelassen“, sage ich, und krieche ein wenig tiefer in mein Fass. Ich fühle mich ein wenig wie ein Einsiedlerkrebs, drehe YouTube lauter. „Ich wollte auch mal einen Text für den Kanon beitragen. Aber der ist gar nicht von mir.“

Trump dreht sich um, drückt die Kippe auf der Leiche meines Kumpels aus und schlüpft zurück in den Korridor. Was eine Begegnung, denke ich mir, da hat sich die Anfahrt ja fast gelohnt. Mein Handy überträgt die Geschehnisse des Abends via YouTube live und ich bin froh, dass er aus der Sonne gegangen ist, so spiegelt mein Bildschirm nämlich wieder weniger. Jetzt erkenne ich das Bild besser. Donald Trump, ein Typ in einem Sakko und zwei nackte Typen, die vor ihm liegen. Zum ersten Mal in unseren Leben sieht der Torwächter mich an.

„Was hast du gemacht, damit der Chef mit dir redet?“, fragt er mich neugierig, „mit mir hat er seit dem Anfang dieser Ewigkeit nicht gesprochen!“ Seine Stimme ist gewöhnlich, aber es freut mich, ihn auch einmal reden zu hören. In den letzten Jahrtausenden habe ich mich immer wieder dabei ertappt, ihn für Täfelung oder einen Torbogen zu halten. „Ach, ich weiß nicht.“, gebe ich zurück, „ich bin Schriftsteller“. Er lacht. „Dann willst du also auch einen Text beitragen?“

„Ja, habe ich doch gesagt, aber der ist nicht von mir. Den hat eine Kanadierin geschrieben, eigentlich gar nichts Hochkulturelles. War glaube ich nur ein Instagram-Post. Aber ich dachte, er ist ganz cool, eigentlich.“

Der Torwächter rümpft die Nase. „Typen wie du, ey. Hättest du mal was anständiges gelernt.“

Ich lache und gebe ihm recht, dann sterbe ich. Die Philosophie war erfolgreich! Die Kunst war erfolgreich! Die Soziologie war erfolgreich! Die Geschichte war erfolgreich! Wir haben die Sinnfragen nun endlich geklärt! War auf jeden Fall ganz okay. Donald Trump stellt sich auf meine Leiche und verkündet das Ende der Eliten. Nehme man nämlich nun alle Erkenntnis der Menschen zusammen, müsse man sich nur zwei Dinge zu Herzen nehmen:

You Ain’t Shit!

und

We’re Fucked.

Es donnert und ein Blitzlichtgewitter bricht aus. Den Rest des Abends regnet es in Strömen, aber die Menschen sind ja drinnen, beim Champagner. Man gratuliert einander zur geschmackvollen Inszenierung, man netzwerkt und hat Sex auf Koks. Ich hab es nicht mehr mitbekommen, aber ich ließ mir sagen, dass es schon ein ganz guter Abend war.

Autorenbild unterm Text Yannick

Autor: Yannik Gölz

Beobachtung: Ein Pförtner vor einem Hotel


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