Titelbilder

Mehrere Eisen im Feuer haben, aber mal die Kirche im Dorf lassen und den goldenen Mittelweg gehen, so habe ich mir das vorgestellt, über Balance zu schreiben – aber es funktioniert nicht. Das geht schon los beim Vergleich mit der Waage, die wohl DAS Symbol schlechthin für Balance und Ausgleich ist: der Vergleich hinkt, leicht nekrophil, während Balance immer ein Wagnis, ein Abenteuer ist. Auch Heinrich von Kleist behandelt die Frage nach Balance und Grazie in seiner Erzählung „Über das Marionettentheater“. Sein Balanceideal ist die unreflektierte Hingabe an Naturgesetze. Der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther beklagt den Kapitalismus, weil er die Gehirne in unserer Gesellschaft darin behindert, gleichzeitig mit Anderen verbunden zu sein, und zu wachsen. Was passiert, wenn wir diese beiden Denkansätze miteinander kombinieren? In einem neurobiologischen Kontext gedacht, lässt sich Kleists Ideal einer unreflektierte Hingabe an die innere Natur, als Rückbezug auf den Hirnstamm lesen, der für instinktgeleiteten Selbsterhalt zuständig ist. Wenn man annimmt, dass unser kapitalistisches System das Naturgesetz für den Bürger ist, und dieser darauf hirnstammorientiert reagieren soll, wird, der Logik Kleists und Hüthers folgend, durch den Rückbezug auf den kapitalistischen Instinkt, Wachstum ermöglicht. Gleichzeitig liegt damit aber jede Reflexion über unser Wirtschaftssystem brach, und wir sind als Triebfedern des Kapitalismus nicht in der Lage, mit Anderen verbunden zu sein. Im Sinne der Kleistschen Statue wird der Bürger so ein geistig vegetierender Stein, in den die Außenwelt kapitalistische Grazie meißelt. Analog zu Kleists Tänzern soll im Folgenden dargestellt werden, wie das Individuum in unserer kapitalistischen Gesellschaft eine Balance zwischen seinem natürlichen Inneren, und dem kapitalistischen Äußeren, herzustellen versucht; und wie es von seinen eigenen Reflexionen davon abgehalten wird, zu seinem wirklichen Inneren vorzudringen, um angemessen, d.h. graziös im eigenen Interesse, zu handeln.

Seit jeher ist die Waage das Symbol für Ausgleich und Balance. Aber die Waage ist auch ein toter Gegenstand, und wenn ich als Mensch einen (mentalen) Spagat mache, dann ist das etwas vollkommen anderes, als wenn eine Waage auf jeder Seite zu gleichen Teilen beladen ist. Die Waage wägt nur so vor sich hin, während es mich fast zerreißt. Auch dem Begriff „Balance“ wohnt etwas inne, das eine gewisse spannungsvolle Dynamik impliziert. Wird etwas „balanciert“, handelt es sich dabei immer um eine wackelige Angelegenheit. Man denke an einen Wasserkrug, der auf dem Kopf getragen wird, an ein Tablett, das ein Kellner trägt, oder an einen großen Stein, der auf einem kleinen liegt: sobald etwas balanciert wird, gibt es etwas auszugleichen, es gibt ein Risiko. Wenn etwas hingegen auf stabilem Grund steht, ist von einem Balance-Akt nicht die Rede.

Was hat es also auf sich mit dieser Balance, von der alle reden? Ich denke 1,5 Stunden zurück, und finde mich im Gymnastikraum meiner Ballettschule wieder. „Balllance“ heißt die, und das ist ein bisschen ironisch, angesichts der wachsenden Verzweiflung über dieses Essay, und des ungrünen Zweigs, auf den ich hier schon wieder komme. Aber die Verzweiflung stellt ja oft die wirklich interessanten Fragen, zum Beispiel: Was hat Balance mit Bällen zu tun? Zuerst einmal sind sie kugelförmig. Vom Mantel der geometrischen Figur der Kugel lassen sich unglaublich viele Punkte durch den Mittelpunkt hindurch mit dem parallel entgegengesetzten Mantelpunkt verbinden. 1:0 für Ball gegen Waage in Sachen „Quantität der Vergleichsmöglichkeiten“. Eine weitere beachtenswerte Balleigenschaft ist die der Knautschbarkeit. Man findet das vermehrt bei Gymnastikbällen. Der gleiche Mantelpunkt, der gerade noch mein Bezugspunkt war, kann also nachgeben, und nun irgendwo anders sein. 2:0 für Ball gegen Waage in Sachen „mögliche Variationen derselben Bezugspunkte“.

Ich halte inne, weil ich vergessen habe, wofür genau dieser Ball, der nun sehr wettbewerbsorientiert 2:0 in Führung liegt, eigentlich eine Metapher darstellen soll; alles kommt mir auf einmal reichlich abstrakt vor. Was ist das überhaupt für ein Zentrum, um das herum sich ein Netz aus variierenden Bezugspunkten befinden soll, die sich gegenseitig ausbalancieren, und die Grundlage meines Lebens sein soll? Und wie bitteschön sieht so ein „Bezugspunkt“ fernab dieser theoretischen Geschwülste in der Wirklichkeit aus? Aha, denke ich, beim Netzwerk, das mein Leben diktiert, kann es sich nur um mein Gehirn handeln. Also ziehe ich einen Hirnforscher zurate. Meine Wahl fällt auf Prof. Dr. Gerald Hüther, und Bezugspunkte liefert der auch – in Form von Bedürfnissen. Seine schwungvolle These: wir alle, also das Gehirn von uns allen, möchte mit anderen verbunden sein, und gleichzeitig wachsen. Wachsen, das heißt bei Hüther immer „selbstwirksam sein“, und „verbunden sein“ meint nicht etwa einseitige Abhängigkeitsverhältnisse, sondern so richtige gegenseitige Beziehungen, in denen man sich unterstützt, und bereichert, und aus denen heraus Vertrauen entsteht. Aber Hüther glaubt auch, dass das in unserer derzeitigen Gesellschaftsform kaum möglich ist, weil der Kapitalismus, bzw. die kapitalistischen uns umgebenden Personen, uns schon von frühster Kindheit an (unbewusst) den Vorteil des Unterdrückers im Wettkampf vorleben. Schon bei Kindern ab einem Jahr ist die Tendenz, sich mit einem „Unterdrücker“ zu identifizieren um 10% gestiegen. Diese Kinder durchlaufen ein Schulsystem des Wettbewerbs, und vom Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit wird nur der Part gefördert, der kapitalistisch verwertbar ist. Schließlich landen sie in einem Berufsleben, in dem sie nun verstärkt immer wieder an Punkte stoßen, an denen sie nur wachsen können, wenn sie einen anderen dafür vom Sockel stoßen. Hier befinden wir uns also im Spagat zwischen zwei Bezugspunkten des Balancekonstrukts „Leben“: Das Bedürfnis nach Verbundenheit auf der einen Seite, das Bedürfnis nach kapitalistischem Wachstum auf der anderen. Alles was zu Wachstum im Sinne von Selbstwirksamkeit gehört, aber kapitalistisch nicht verwertbar ist, wird als Luxusproblem ausgeklammert.

Kleists Reflexion „Über das Marionettentheater“ beschreibt den Vorteil der Marionette gegenüber dem menschlichen Tänzer. Die Marionette hat einen Grazievorschuss, weil sie ungehindert den Gesetzen ihrer (physikalischen) Natur folgt. Weitere Vergleiche machen deutlich, was diesen Grazievorschuss der Puppe für Kleist ausmacht: 1. Der Mensch verliert im Duell gegen den Bären, weil der Bär nicht auf Antäuschungen hereinfällt. Der Bär reagiert auf der Ebene der Reflexe, d.h. auf der Ebene dessen, was wirklich ist. Der Mensch hingegen reagiert auf einer reflektierten Metaebene auf echte Angriffe, aber auch auf solche, die nur kommuniziert werden. 2. Der Mensch verliert in Sachen Grazie gegen eine Statue, weil er eitel ist, und im Spiegel immer wieder kontrolliert versucht, den einen schönen Zustand wiederherzustellen. Dieser Kontrollaspekt spricht wieder die Reflexion an, die den Menschen daran hindert, aus seiner eigenen Natur heraus graziös zu sein. Insgesamt kann man das so verstehen, dass hier im Sinne der Puppen, des Bären und der Statue gefordert wird, alles Künstliche, und somit alles Schöpferische und Semiotische, alle reflektierende Eitelkeit abzulegen, und zum reflexhaften Spielball der Natur zu werden. Kurz: Kleist fordert nach einer solchen Lesart die Reduktion des Seins auf den Hirnstamm.

Tatsächlich können wir in unserer Gesellschaft ein solches Bedürfnis wiederfinden: Yoga, fernöstliche Kampfkünste, Meditation, all diese Angebote erfreuen sich wachsender Beliebtheit, insbesondere als ausgleichendes Kontrastprogramm zum kapitalistischen Alltag. Hinter all diesen Hobbys steht der Sinn des Rückbezugs auf die eigene Natur, sowie die Reduktion des Bewusstseins. Man konzentriert sich auf das Loslassen rationaler Gedanken, und darauf, den Körper zu spüren, ohne ihn zu steuern. Die Atmung steht oft im Zentrum der Aufmerksamkeit, Gedanken sollen vorbeiziehen. Befasst man sich mit Yoga auf Profi-, d.h. auf Klosterniveau, hört man sogar Geschichten darüber, dass manch einer sich, bei starker Konzentration, selbst aus der Vogelperspektive sehen kann. Das rückt schwebetechnisch schon sehr nah an das heran, was Kleist über die Marionettenkörper schreibt: „die Puppen brauchen den Boden nur, wie die Elfen, um ihn zu streifen, und den Schwung der Glieder, durch die augenblickliche Hemmung neu zu beleben“. Was wir von Kleist also mitnehmen können ist, dass wir so künstlich sind, dass wir einen Yogakurs brauchen, um Naturgesetze wie die Schwerkraft überhaupt wahrzunehmen. Unsere permanente Reflektiertheit macht uns blind gegenüber unserem natürlichen Inneren – das ist nur auf den ersten Blick paradox: Jemand der keinen Bezug zu seinem natürlichen Inneren hat, kann seine Bedürfnisse schlecht in der Außenwelt verorten, und so wird jede (kapitalistische) Reflexion die wir anstellen, nicht gerade rücksichtsvoll im Bezug auf unser natürliches Innere sein.

Heimlich hat eine Variation der Bezugspunkte stattgefunden. Ursprünglich sollte die unsichtbare Hand des Staates die produktive Kraft egoistischer, schöpferischer Leidenschaften vor auswuchernden Egoismen schützen. Heute hat sich das, was einmal schützenswert war, über uns hinweggesetzt, und sich zum Indikator für Erfolg erhoben. Der Kapitalismus ist zu erheblichem Teil der Leitfaden unseres Seins geworden, das Erfolgsdiktat für unsere schöpferischen Leidenschaften, und die Begründung für auswuchernden Egoismus.Yoga ist der unbeholfene Versuch, aus dem eigenen Inneren heraus die graziöse Grundlage für noch mehr Wachstum innerhalb unseres Wirtschaftssystems zu schaffen. Wie Kleists Tänzerinnen können wir daran nur scheitern. Doch wie ist dieses Scheitern zu bewerten? Bei Kleist findet sich auch ein bisschen Trost: Wenn wir scheitern, müssen wir keine Angst mehr haben, dass wir ein Bär, eine Statue, eine Marionette, ein Alien, eine Waage, oder ein Blauklotz sind, denn: Am Scheitern erkennen wir unser Menschsein.

autorenfoto-unterm-text-rund-anika

Autor: Anika Kaiser

Beobachtung: Gedanken zu Kleists Marionettentheater und der dringende Wunsch, Yannik bald ein Generationenmanifest zu liefern

 


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s