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Immer, wenn ich während zu langer Busfahrten etwas zu pathetische Musik höre, entwickle ich das Gefühl, dass es den einen Gedanken geben muss, den ein jeder sofort unterschreiben würde und für den es sich blind zu kämpfen lohnt. Die Weltretter-Idee, das Generationenmanifest, das alle Sorgen und Probleme zusammenfasst, ihnen triftige und fundierte Lösungen entgegenbringt und uns allen den Weg in eine fantastische, Valencia-gefilterte Zukunft eröffnet.

Das ist wahrscheinlich mein verkappter Disneyfilm-Kindheits-Komplex, in denen sich stets alles Drama und jeder Konflikt am Ende durch eine glückliche Umdrehung, eine gute Idee, zum Happy-End wendet. Diese Idee nimmt dann all die losen Fäden, die die Handlung aufgemacht hat, fädelt sie mit den Motiven und Interessen von Protagonisten und Antagonisten zusammen, bindet noch einmal fix alle Sidekicks mit ein und am Ende laufen sie Frame für Frame in eine triumphale Musikeinlage ein. Der Held hat das Mädchen, die nicht so wichtigen Leute tanzen und jubeln, in kurzen Shots, die Sonne geht unter und die Dramatik blendet sich aus. Irgendwo in den hallenden Untiefen meines Hinterkopfes sitzt immer noch ein 3D-animierter Affe, der mir einredet, das genau das die Art ist, wie die Welt funktioniert. Anfang-Mittelteil-Schluss. Der Affe lässt mich die Welt immer noch wie eine Aneinanderreihung von intentionsschwangeren Szenen denken.

Nun – „Es wird nach einem Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt“, hat Kurt Tucholsky, von dem ich eine ästhetische lila Hardcover-Version des „Lesebuchs“ im Regal stehen habe, die ich nie gelesen habe, mal gesagt.

Außerdem – und vielleicht genauso wichtig – wird im Film an irgendeinem Punkt auch einjeblendt. Meistens am Anfang. Wir haben hingegen keinen narrativen Fixpunkt in unseren flimmernden Existenzen, an denen sich eine gewisse Anzahl an Charakteren und Handlungssträngen auftut, die die eine Idee am Ende zusammenführen könnte. Endlichkeit ist wohl die Bedingung für ein Happy-End. Vielleicht hätte so etwas ähnliches auch irgendwann bei Tucholsky gestanden. Kann ich leider nicht genauer erklären, ich hab’s ja auch nicht gelesen.

Sitze ich dann im Bus, denke ich an das Generationenmanifest, das ich irgendwann vielleicht schreiben werde. Aber es braucht doch immer den kleinen Rausch an Pathos, der mir selbst in meiner tagverträumten Selbstgerechtigkeit die Kühnheit gibt, mir derartige Großtaten zuzutrauen. Und immer, wenn die Musik dann einen Tick melancholischer wird, werde ich mir schlagartig dieses einen Phänomens bewusst, das ich als „die universelle You-Ain’t-Shit-ness“ bezeichne. Alle meine Freunde unterliegen der universellen You-Ain’t-Shit-ness, denn sie wissen ja darum, dass sie irrelevant und machtlos sind.

„Die Handlungen des Individuums sind schwach“, noch so ein Un-Disney-Satz, den irgendein Klugesachensager mal gesagt hat. Rational, logisch, nachvollziehbar, nur eben ohne 3D-animierten Affen, der in meinem Unterbewusstsein sitzt und mir das als absolute Wahrheit des Universums verkauft. Deswegen sehne ich mich immer noch nach dem Generationenmanifest, nicht einmal nur wegen diesem schwammigen Konzept einer „besseren Zukunft“ (Was soll das überhaupt bedeuten?), sondern einfach nur, weil es der ultimative Präzedenzfall gegen die Sinnlosigkeit des Lebens darstellen würde. Dieser Text würde entstehen, um die Welt gehen, alle fänden ihn absolut großartig und ich könnte meinen Minderwertigkeitskomplexen (die übrigens gleich zwischen meinem Größenwahnsinn und dem 3D-animierten Disney-Affen leben, aber sie haben die schönste Wohnung) ins Gesicht lachen, und eine mit Viralität und Anerkennung unterzeichnete briefliche Anordnung gegen meine eigene You-Ain’t-Shit-ness vorlegen.

Ich suche also einen Zustand der I-Ain’t-Ain’t-Shit-ness. Oder irgendjemand, der seinen Zustand der Shit-ness irgendwie verändert hat.

Das schöne an der Geisteswissenschaft ist ja, dass sie einen Kanon aller klugen Köpfe sammelt, die irgendwo irgendwann irgendwie gegen die universelle You-Ain’t-Shit-ness gekämpft haben. (Kant könnte dafür einen anderen Begriff haben, aber ich weiß, du weißt, und wahrscheinlich weiß er auch, dass meiner schöner ist). Aber Geisteswissenschaftler sind unter anderem deswegen so unsicher, weil sie bis heute nicht genau wissen, ob denn irgendjemand dieser Heerscharen an schlaue Sachen sagenden Herr- und Frauschaften diesen Zustand nun je überwunden hat. Wir haben eine ganze Kaste der Klugesachensager gegründet, die an sich selbst herummosert und alles in Frage stellt, einfach nur, um diesen einen Präzedenzfall zu schaffen oder zu finden.

Hätte es das Generationsmanifest nicht schon lange geben müssen? Also das eine, das für jede gilt? Gab es Manifeste für einzelne Generationen oder für Teile davon? Was ist mit diesem Platon-Typen, was ist mit den großen Religionsbüchern, die waren doch ziemlich wichtig? Was ist mit Adorno, Nietzsche, Camus, Derrida, Arendt, Butler und all den anderen Namedropping-Go-Tos? Die waren ziemlich klug, oder? Was ist mit The Who, Talib Kweli oder Grimes? Da wird doch irgendetwas dabeigewesen sein, oder? Irgendein kluger Gedanke, irgendeine gute Idee. Damit alle Haupt- und Nebencharaktere der Menschheit sinnig verwoben sind, im ausblendenden Happy-End mit Musikeinlage und rollenden Credits in den Sonnenuntergang tanzen können. Damit wir alle endlich das Kino verlassen können. Mal wieder etwas sinnvolles tun. Keine Ahnung. Sport, oder so. Großmutter anrufen. So was.

Mein Bus ist ja immerhin auch irgendwann angekommen.

Autorenbild unterm Text Yannick

Autor: Yannik Gölz

Beobachtung: Pathetische Musik auf generationenlangen Busfahrten


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