Socken kaufen (3)

Üüüüüüüüüd — (…) — Üüüüüüüüüd — (…) — Üüüüüüüüüd —

„Rot oder weiß?“, wird Lucy von der vertrauten Stimme am anderen Ende der Leitung begrüßt.

„Rot“, grüßt sie zurück.

„Du sagst ja IMMER rot.“

„Du bist nicht der weiße Typ. Du bist ein dunkelroter Portwein.“

Sie hört, wie sein Korken aus der Flasche ploppt.

Nick und Lucy telefonieren seit zwei Jahren miteinander, seit er nach Freiburg zog und sie in München blieb. Manchmal wöchentlich, manchmal täglich zeichnet er mit seinen Worten Bilder, die ihre Phantasie mit Farben füllt.

Sie kennen sich seit zehn Jahren. Damals war er 16 und lächelte niemals herzlich. Er war kein Typ für Komplimente. Er lächelte nur mit einem halben Mundwinkel, sagte etwas Provokantes und ging. Auf unergründliche Weise faszinierte das einige seiner Gegenüber, auch wenn diesen nicht immer klar war, was genau an Nick eigentlich sympathisch ist. Manchmal spazierte er geschminkt zur Schule und genoss die Irritation, die er verursachte und die ihm bis heute ein großes Anliegen in seinen Begegnungen ist. Bei seiner Realschul-Abschlussfeier sang er auf der Bühne „Nothing Else Matters“ von Metallica.

Als Sie mit ihm über diese Zeit sprechen möchte, gerät er ins Stocken. Er kann sich kaum an Namen oder Gesichter erinnern.

„Du bist die einzig Übrige“, sagt Nick ein bisschen verwundert, als hätte er überhaupt nicht bemerkt, wie zwischenzeitlich Mensch um Mensch aus seinem Leben und seinen Gedanken verschwunden ist. Es klingt heimlich ein bisschen bedeutungsschwer, aber sie sind nicht gut in bedeutungsschweren Gesprächen. Deswegen fängt er an, vom aktuellen Stand seines Bartwuchses zu erzählen, und sie wird neugierig, denn sie hat selbst keinen Bart.

„Am Anfang hat es sehr gejuckt, jetzt juckt es nicht mehr“

„Wieso juckt das?“

„Ich weiß nicht, ich habe den Eindruck, es wächst eben gleichermaßen nach innen, wie nach außen. Und dieses Nachinnenwachsen, das juckt eben.“

„Hast du schon mal von Haarwurzeln gehört? Sie bedingen eine Richtung.“

„Seit wann wachsen Wurzeln nicht? Bartwachstum ist bipolar!“

„Und wieso hat es dann jetzt aufgehört zu jucken?“

„Weil es jetzt ein richtiger Bart ist“

Nicks Freundin Marie ist zur Zeit für 4 Monate im Ausland. Weil das fast so lange ist, wie die kleine aber intensive Beziehungsdauer, die sie vorher miteinander verbracht haben, befürchtet er, sie könnten bei ihrer Rückkehr nicht auf die gleiche verschworene Art wieder zusammenfinden. Um die Zeit ihrer Abwesenheit zu überbrücken hat er sich die Bart- und Körperdokumentation ausgedacht. Außerdem will er sich rundum optimieren: „Leidenschaftliche Prüfungsvorbereitung, Raucherentwöhnung, stählerne Muskeln.“ Ein Dschungel fürs Gesicht, Safari für den Geist, so ist Nick. Aber über die Muskelsache muss sie lachen, Nick und Muskelwachstum, das ist wie ein Kolibri mit Weltherrschaftsambitionen.

„Geftern hahe ich meime Exffreumdim gefehen. Schghie ischt tschiemlisch bescheuerg.“

Nick putzt sich die Zähne. Sie hört den Wasserhahn plätschern, ein Gurgeln, „Phth“, und wie der Wasserhahn wieder verstummt.

„Ich hab sie zufällig getroffen, als wir aus waren. Jedenfalls habe ich ihr gesagt, dass ich Frauen generell schwer vergessen kann, und sie mir in gewissen Weiße immer etwas bedeuten wird. Sie hat das dann so lange hinterfragt, dass ich ihr irgendwann gesagt habe, dass sie mir eigentlich egal geworden ist.“

„Aber das wolltest du ihr ja gerade NICHT sagen?“

„Nein, eigentlich das Gegenteil, aber in ihrer Argumentationskette war das irgendwie schlüssig.“

„Sie hat deine Wahrheit so lange falsch verstanden, bis du gelogen hast?“

„Ja. Erstaunlich oder?“

Gerne bezahlt Nick den Preis, unfreundlich und provokant zu wirken, um etwas Unergründetes, etwas Wahres oder etwas Unsägliches in den Reaktionen seiner Gegenüber zu erhaschen. Aber es ist nicht seine Absicht, Menschen tatsächlich Schaden zuzufügen und er akzeptiert es nicht, wenn Andere das tun. In gewisser Weise ist seine Angriffslust das Antonym zur Gewaltbereitschaft. Das macht ihn oft zu einer unverstandenen und unverankerten Seele.

Nach der Realschule absolvierte er eine Zimmermannsausbildung. Für drei Jahre war ihm die schwarze Kordhose Berufs-, Alltags- und Festgarderobe. 1,76m war nicht groß für einen solchen Beruf und er trug die schweren Balken mehr mit Willenskraft, als mit physischer. Den Zweifeln seiner Familie zum Trotz holte er danach das Abitur nach und begann 2012 sein Physikstudium in Freiburg.

Nick fährt nicht oft nach Hause, berichtet nie von seinen Prüfungsergebnissen. Oft zweifelt er selbst an sich. Vor der Prüfung fragt er sich, ob er bestehen wird, und wenn er bestanden hat, ärgert er sich, dass er nicht besser war. Manchmal macht seine Stimme einen Purzelbaum, wenn er von dunkler Materie erzählt, von der Entstehung eines Regenbogens oder wieso im Spiegel alles verkehrtherum ist. Aber diesen Enthusiasmus, den hört er selber nicht.

„Ich bin total verärgert, heut“

„Was ist los?“

„Ich kann meinen Gummiball nicht finden!“

„Du hast dir 100 verdammt sinnlose Gummibälle bei Ebay bestellt, es ist unmöglich dass du keinen davon findest.“

„Ich suche den Einen. Er ist ein ganz besonderer Ball, von Marie, es ist der Einzige, der auf den Boden, an die Decke, auf den Boden, an die Decke, auf den Boden, an die Decke, auf den Boden prallen kann, es ist ein erstaunlicher Ball!!“

„Es muss der 101. Ball sein?“

„Es muss AUF JEDEN FALL der 101. Ball sein.“

 

Sie wollen sich verabschieden,

“Hab dich lieb“, sagt er ironisch.

Lucy macht eine kurze Verschnaufpause vor dem Panorama eines ziemlich klein gewordenen rhetorischen Horizonts.

„Das kotzt mich an!!“

„Es suggeriert Menschen, dass man sie gerne hat“, erklärt er extra-fachmännisch.

Sie holt laut Luft: „Es ist unästhetisch und langweilig. Und es suggeriert Menschen, dass man sich sonst nicht mehr zu sagen weiß. Was soll das für mich heißen?“

Er muss lachen. Wenn sie sich ärgert, sagt sie immer Dinge, an die er nie gedacht hat. ‚Wie ein bunter Strauß bist du’, hat er mal gesagt, aber darüber hat sie sich auch brüskiert: ‚Schnittblumen? Willst du mich verarschen? Die hängen meinungslos rum und sind in einer Woche Matsch!’

„Auf uneloquente Art, dass ich dich gern hab.“

„Ok Nick, bevor ich kreische: Brainstorming! Was sind wir? Jeder hat 3 Sekunden!“

„Lebensgefährten?“

„Igitt!“

„Ne, wie bei Herr der Ringe.“

„Enkidu und Gilgamesch?“

„Das Nimmerland der persönlichen Beziehungen! – Wer ist Enkidu?“

„Enkidu ist behaart und schützt die Natur vor der Zivilisation.“

„Behaart. Sehr witzig. — Die schubladenfreie Kommode!“

„Wie in einem wohlig warmen Schlafsack bei Gewitter. Von Kopf bis Fuß innen drin, oben zugeschnürt, mit Taschenlampe und einem kuriosen Buch.“

„Die Pointe in einer endlosen Rede. Die Lichtung in der Mitte des Irrgartens. Das Innere meines Autos, auf dunkler Straße, in menschenleerer Weite.“

„Und du sagst H.-D.-L.?!?“

„Es ist meine Art das zu sagen.“

“Was ist aus ‘its me, God and the Highway’ geworden?”

„Schnittblumenmatsch.“

Als sie das Telefonat beenden, sind wie üblich ungefähr zwei Stunden verstrichen. Obgleich sie gerade noch gehört hat, wie er seine Zähne putzt, obgleich sie weiß, dass er in einem selbstgebauten Bett aus Buchenholz und ausgekochten Bierflaschen liegen, dass er mit einer App Regengeräusche simulieren und dabei einschlafen wird, taucht dieses Bild vor ihrem inneren Auge nicht auf. Viel naheliegender ist die Vorstellung, dass er als zahnlückiger Pirat von seiner Mannschaft am Strand einer einsamen Insel ausgesetzt wurde, weil er die ständigen Plündereien nicht gutheißen wollte. Er greift in den Sand und will jedes einzelne Sandkorn, während es durch seine Finger rieselt, auf seine Eigenart und seine Bedeutung hin untersuchen. Mit rauer Stimme singt er sehnsüchtig „never cared for what they saaaay, never cared the games they plaaaay“ und nickt an sein letztes Portweinfass gelehnt ein.

Real ist das nicht. Eher fiktional, aber irgendwie wahrer. Denn in Wirklichkeit ist ja auch zwei Stunden lang nichts passiert, außer herumsitzenden Leuten mit Hörern am Ohr.

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Autor: Anika Kaiser

Beobachtung: Telefonate unter Menschen die sich gern haben


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