Socken kaufen (1)

Über Tübingen zu lernen ist im Grunde Zeitverschwendung. Jeder sieht das so, ob man es nun aussprechen mag oder nicht, die Stadt und die Universität mit dem Einzugsgebiet aller Dörfer im Umkreis von bis zu zwei Stunden Fahrzeit versprüht den Flair eines Provinzbahnhofs, irgendwo zwischen pitoreskem Postkartenmotiv oder mit zittriger Hand verfasster Go Vegan-Graffitibotschaft.

Es gab jedoch eine Zeit, in der ich sehr viel über diese Stadt gelernt habe, mehr, als ich durch meine Anwesenheit nicht sowieso schon mitbekommen hätte. Einen ganzen Winter stand ich Nachts hinter der Theke einer Fressbude, habe mein Handy an die Boxen angeschlossen, wenn ich mir sicher genug war, dass mein Chef nicht aufkreuzen würde und habe die Tübinger belauscht, die sich sicher genug waren, hinter meinem glasigen, übermüdeten Blick keinen Funken Interesse an der Schönheit ihrer uninteressanten Leben zu erahnen.

Tübingen ist gewissermaßen ein zwischenmenschliches Abwägen der eigenen Belanglosigkeiten, die urbane Version von Backpacktouristen, die in Berliner Hostels versuchen, mit Rastalocken und sichtbaren Tattoos ihren eigenen Interessantheits-Marktwert gegeneinander auszuloten. Ein Bällebad für diejenigen, die gerade ambitioniert genug sind, nach dem Abitur nicht direkt die Ausbildung bei der Sparkasse zu beginnen, aber doch zu ambitionslos, sich einer echten Welt auszusetzen. Das Realitätsflüchtlingsheim für all die, denen ein Jahr Australien doch zu teuer war.

Ich liebe die Stadt vielleicht gerade dafür, mich nicht aus ihrer Sinnentleertheit ausschließen zu können, ein Nihilismus, der sich schon in den Worten spiegelt, mit denen die Kids über sich und ihr Leben hier sprechen; die Ersties wenden noch fleißig und begeistert jede Abkürzung an, die sie auf Jodel aufschnappen, gehen zur Bib, zur VL, zur UB und lieben es. Daheim angekommen hören sie dann den Annenmeykantereit, Alt-J oder Käptn Peng und fühlen sich einsam und deprimiert, das bietet sich an, denn im 21. Jahrhundert braucht das keinen Grund mehr zu haben und wenn man sich die Haare grün färbt, kann man auf Soundcloud anfangen, darüber zu rappen.

WG-Parties, Semesterferien, Bachelorarbeit, Regelstudienzeit, Personennahverkehr, Einwohnermeldeamt, Vorlesungsverzeichnis, ECTS-Punkte, in der Fressbude wurden sie nie müde, mit formalen, sterilen, leblosen Begriffen um sich zu werfen. Das Outfit von H&M, die Klassiker der Philosophiegeschichte als Modeartikel, die politische Haltung mehr Begriff als Einstellung. Tübinger meinen „Kommunist“ wie „Goth“ oder „ich bin konservativ“ wie „ich höre gerne Pop-Punk“, „Flüchtlingspolitik“ wie „Age of Empires 3“ und „Feminismus interessiert mich“ wie „Ich würde echt gerne mit dir schlafen“. Wer in Tübingen lebt, ist Tourist am Puls des Weltgeschehens, tastet die Menschheit mit der Sicherheit eines Kindes ab, das das Gesicht an die Glasscheibe eines Haifischbeckens drückt und spricht danach noch über postkoloniale Theorie wie über einen Reiseführer durch südostasiatische Hostels. Aber zumindest sind die meisten von uns immer noch nicht nach Berlin gezogen.

Und unnötig zu beobachten oder bemerken, aber ja, Tübinger bin ich natürlich auch.

Autorenbild unterm Text Yannick

Autor: Yannik Gölz

Beobachtung: Gespräche in einer Tübinger Fressbude


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