Socken kaufen (1)

Aus der Reihe: Symptome eines verlorenen Gedankens

Im Nebenzimmer schreit ein Mann. Ich kenne nur seine Stimme. Er klingt beinahe vertraut. Währen sich meine voyeuristische Neigung zu Wort meldet, schlägt eine Zimmertüre zwei Mal auf und zu. Daraufhin, von mir unbekannten Bedürfnissen geleitet, betrete ich das Treppenhaus, den Gang davor, mit gedämpften Schritten über einen gewellten Teppich stolpernd, einen Hemdkragen verhallendem Geschrei vorauseilend, sehe ich ihn die Treppenflucht abtauchen. Im Flur, den ich entlangschleiche, entfaltet eine Nuance von Eisen in der Luft eine benebelnde Wirkung auf meine Sinne. Eine Miniatur von einem Mann, durchs Treppenhaus getrieben von, ich weiß nicht was, landet auf dem anschließenden Hof am Ende des letzten Absatzes der ausgetretenen Treppe ins Freie.

Nachdem er zu Boden gleitet, bleibt er sitzen. Er scheint zu warten. Die Tür fliegt auf, ihr Glas schreit und splittert in Melancholie, ein Hüne stürmt, vom eigenen Zigarettenqualm umwölkt, in den Hof. Er sieht dissoziiert aus, bebt und zittert und raucht vor Panik, ist in langen schritten begriffen. Mir wird klar, dass er wohl auf der Flucht ist. Die Splitter der Türe öffnen sich erneut. Diesmal erscheinen feine, tränendurchfurchte Wangen, weibliche Züge, gebrochene Augen. Alles flieht zum Auto. Hier ist niemand mehr Mensch.

„Ich hab dich nicht geschlagen! Nicht einmal hab ich ausgeholt! Ich hab dich nicht geschlagen!“

„Ich rede nicht mit dir! Ich höre dir nicht einmal zu! Von wegen Mann!“

Ich weiß nicht wer und ob jemand geschlagen wurde, denke ich, mir wird meine Funktion in dieser Situation nicht ganz klar. Sie wird zunehmend bestialischer. Zu dem Mann jedenfalls scheinen zwei weitere zu gehören, die sich weitestgehend ruhig verhalten und eben genauso die Polizei ankündigen, ein sich still mit Rauch füllendes Auto, ein Zuschauer, und ein Hüne der Asche um seine Füße schichtet. Vielmehr aber gehört ein Kater zur Szenerie, alle in Gestalt und Auftreten überragend. Ein schwarzer. Ein verwandter Kerberos´. Und was für ein Tier das ist. Mir wird klar, dass sein Fell wohl, Asche auf mein Haupt, doch nicht schwarz ist, es irisiert im Sonnenlicht und es spiegelt auch, während er auf und ab stolziert, spielt Ball mit den Glasscherben der Türe. ER scheint mich zu mögen, streicht mir um die Beine, kitzelt und sticht mich dabei. Da so etwas eine Bezeichnung braucht und erkannt werden will, wird mir klar, dass er wohl einen Namen haben muss. In stillem Einvernehmen mit dem hoheitsvollen Blick des Katers nenne ich ihn Nediel. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich niemals danach gefragt werde, woher der Name denn sei, und ob ich ihn mir voll Anstrengung ausgedacht habe, oder Nediel mir leichtfüßig zugeflogen sei. Wenn überhaupt, hieß er schon so, bevor ich mich dazu entschied.

Wie ich doch unbescholten war. Und wie ich doch eben nicht unbescholten war, im neuerwachten Glauben der Kater hieße Nediel. Das ging im Grunde niemanden etwas an. Und über Nediel, ja über den gibt es viel zu sagen, sag ich mir, denn er ist ein großer Kater mit vielfarbigem Fell. Gerne und mit Geschmack läuft er durch die nun doch recht chaotische Situation und ist König unter Katzen, der nunmehr sinkenden Sonne und aller Amseln und selbst der dunklen Raben, die den Himmel hüten, und taumelt gravitätisch zwischen den Statisten auf Samt. Er streicht gelegentlich den Fleck zerstörter Erde, der von steigender Asche umkränzt ist, leckt an den Felgen des immer nebliger werdenden Autos, sieht mit erhobenem Kopf in die Richtung, aus der die Polizei kommen soll, und kehrt wieder um. Streicht er mir um die Beine, erstattet er hier und da dem Zuschauer, der sich nicht lösen kann, und damit feucht fiebrig und bebend sitzen bleibt, sinistre Nachricht. In des Katers Fell, das fällt mir dann mit einem Mal auf, hängen Synapsenstränge und Hirnwindungen in Flechten, wie Zweige, und sein Name bewegt ihn, macht ihn groß und füllt seine Lungen. Bei alledem glaube ich trotzdem nicht, dass er um seine überdimensionale, geradezu unproportionale Symbolik weiß. Es ist ja auch vielmehr eine Asymbolik, die seinem Schwanz folgt. Eine Art nicht-Geruch. Sein eigener leerer Raum. Er sreicht und tänzelt mir wieder um die Beine, reizt meine Haut, macht sie brüchig. Man und ich weiß nicht, warum gerade ich sein Bezugssystem sein soll. Warum seine Aufmerkasmkeit den umstehenden so ungleich zuteil wird und mir damit die bleierne Aufgabe zufällt, ihm eine Beschreibung zu sein. Ich merke, dass ich ihn auch, und vor allem desperat, hasse und verachte, als seine Schnurrhaare beginnen zu beben.

Genauso singt er kanonisch, als der Blick des Fürsten aller Katzen umschwingt, und sich auf das Polizeiauto zubewegt, das in den Hof rauscht, den Beamten mit Augen und Anwesenheit folgt, während die sich, in schwere Schutzwesten gekleidet, einen Weg in das Fries bahnen. Ja, mir war eben aufgefallen, dass die ganze Szenerie viel mit einem Relief gemein hat. Ein Schlachtengemälde steht dem hier in nichts nach, denke ich. Auch Zeit verläuft hier anders, sage ich mir. Eigentlich sage ich mir das schon seit dem Glasklirren. Zwei der nichtsahnenden Neuankömmlinge, es waren insgesamt vier, stehen nun vor den beiden Männern nebst dem gebrochenen Riesen und seiner Aschenkrone. Ich lache klirrend bösartig und in Schauern über die Leichtfertigkeit der Beamten, einfach hierher zu kommen, als sei dass hier ein normaler Hof, und nicht einer, in dem Nediel seine Zirkel abläuft. Ich lache wohl alleine, eine Replik bleibt nämlich aus. ‚Hier ist alles Dumpf‘, sage ich in mich hinein. Ein anderer der gepanzerten Pioniere klopft an das umwölkte Autofenster hinter dem irgendwo eine junge Frau abgeblieben sein muss. Als sie sich nach einer Weile, mir fehlt die Uhr, aus den Tiefen des Autos ergießt, blickt auch der stille Beobachter auf und bedenkt Angesichts der tiefen Frauenaugen sein Aufenthaltsrecht. Wohl nicht aus Pietätsgründen. Auch er, so sagt er sich, hat und ist Anteil an diesem Schlachtengemälde. Es scheint wohl vielmehr eine Furcht, ein starkes Unbehagen von ihm Besitz zu ergreifen, sobald er die Polizeiwesten sieht. Wovor wird sich denn hier eigentlich geschützt? ‚Hier muss doch etwas im Gange sein!‘, antwortet sein interner Dialogpartner. ‚Sie sind allzu vorsichtig in Umgang und Benehmen, in Vorbereitung und Gefahrenprävention. Die haben mehr gesehen als du. Die tragen Westen und wittern, dass hier eben wirklich etwas im Gange ist, wie du sagst. Die wissen sehr wohl, dass Nediel hier mit dem Schwanz Wind und Farbe aufpeitscht. Dass er sie bereits begrüßt hat. Schau mal! Da geht er grade auf sie zu!‘ Und wirklich erhebt nun Nediel sein schwarzes Haupt vor den Beamten, füllt den Raum, blutet und trieft Ichor aus seinem Maul, und seinen eigenen Kontrast aus dem verklebten Fell. Plötzlich bemerke ich, dass mir sehr unwohl, kränklich zumute ist.

Hinter meiner Stirn scheint irgendetwas verschoben zu sein. Irgendjemand, so scheint mir, hat wohlbedacht und vorsichtig einige Verknüpfungen durcheinandergebracht, tief und nachhaltig in meinen Neuronen gewühlt, einen alten Ablauf zerbrochen. Während sich die Vorstellung in mir ausbreitet, ich hätte einen klaffende Wunde im Schädel, die nun der Sonne ausgesetzt ist, die man dringend schließen müsste und aus der Fell zu wachsen beginnt, fängt der Hüne wild zu lachen an. Die Beamten zerrten ihn gerade vom Boden. Sie sprechen mit ihm. Ich hörte sie nicht, sie sagten wohl so etwas wie: ‚Warum hat man uns gerufen? Er ist hier verantwortlich? Wir sind hier um die Situation zu klären. Wie kann man helfen?‘ Es ist kein fröhliches Lachen. Es ist viel Spott, Unbehagen, splitternacktes Unverständnis darin. Irritation. Es lamentiert und reflektiert in der nunmehr untergehenden Sonne. Auch tanzt darin die aufgewirbelte Zigarettenasche umher. Mir wird klar, dass es ein Walzer sein muss, nur Musik und Rhythmus fehlen… „Kapellmeister!!“ schallt es über den Hof. Allein Nediel dreht sich um, als Einziger eine treue Seele. Er kommt auf mich zu, reißt mir im vorbeigehen die Haut vom linken Bein, bleibt einen Moment zu meinen Füßen sitzen und verschwindet im angrenzenden Gebüsch.

Bis ich bemerke, dass ich ihm folge, habe ich bereits eine blutrote Schneise hinter mir in die Halme gebrochen. Als ich das schäumend flammende Gras sehe, bemitleide ich den Künstler, der sich an der Abbildung von so etwas wildem versuchen sollte. Dann beginnt Nediel aus meinem Blickfeld zu schwinden. Ich darf ihn nicht verlieren, sage ich, er ist mir mittlerweile beinahe ein kleiner Mensch. Ich finde ihn nicht mehr, sehe an meinem Bein hinunter und bin ganz stumm. Da sitzt niemand, wartet keiner mehr. Ausgelaugt. Die langen, nassen Striemen an und in meinem Bein verkrallt. Die sehen aus, ja die sehen seltsam aus. Fast wie eine Hand.

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Autor: J.H.Z.

Beobachtung: Eine schwarze Katze


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