Socken kaufen (1)

Es ist schon spät. Normalerweise dämpft der hochflorige Teppich in der Hotellobby das Klacken der Absätze. Es muss wohl ein psychologischer Trick sein, dass mit einer gewissen Gedämpftheit der Schritte, meist auch die Gespräche der Gäste mehr vornehmes Raunen, als lautes Ausgebärden sind. Die Lautstärke der Schritte reguliert die Lautstärke der Gespräche, wie ein Radio, das man leiser stellt. – Aber Sophies Schritte lassen sich nicht leiser stellen. Hoheitsvoll und, nun ja, ein bisschen kaputt sieht sie aus, als sie durch die luxuriöse Eingangshalle schreitet. Aber kaputt auf eine erhabene Art. In vehementer Gleichförmigkeit klacken ihre Absätze im Takt ihrer persönlichen Revolution. Klack. Klack. Klack.

Ihr Kinn ist leicht angehoben, ernste Züge umspielen ihren kleinen Mund, kühl sieht sie aus, und ein bisschen spöttisch, die Frisur wie von gestern Abend, schlafgemacht, aber sie trägt sie wie eine Krone. Der fließende schwarze Stoff ihres Kleides ist bis zum Oberschenkel geschlitzt, aber die Haut ihrer Beine bleibt unkonkret, denn sie geht so rasch, so rasch, dass ihr Rockzipfel ihr kaum folgen kann, und ein bisschen hilflos hinter ihr her weht. In der Mitte des Saals bleibt sie stehen. Sie sieht, dass ich sie beobachte, und ich bin verwundert dass sie ihren Blick nicht abwendet. Unverwandt sieht sie mich an, und geht langsam zu einem der Blumenarrangements. Sie nimmt einige Blumen heraus, ein paar Lilien, und auch Tulpen. Rosen nicht, denn ihre Dramatik soll kein Klischee sein, sondern so echt, wie sie sie empfindet. Sophie blinzelt nicht, als sie die Blumen mit einer ausladenden Geste auf den Boden schmeißt. Ganz kurz sieht sie ein bisschen verletzt aus, und auch etwas entsetzt über ihre eigene Rohheit. Aber mit trotziger Entschlossenheit setzt sie sich über diese aufkeimende Sentimentalität hinweg, und geht über die Blumenreste davon. Klack. Klack. Klack.

Sie denken, Sophie tat das eines Mannes wegen? Wäre das nicht etwas klischeehaft? Sie haben Recht, sie tat es eines Mannes wegen. Und das ist die ganze Schwierigkeit. Wer soll so etwas ernst nehmen? Man könnte Anteil nehmen, der Katharsis einer wieder mal gescheiterten Romanze folgen – aber ernst nehmen? Sophies Tragödie ist nicht das Scheitern einer Romanze. Es gibt nichts ausgelutschteres als Liebeskummer. Sophies Tragödie ist das Scheitern einer Romanze ohne eine Möglichkeit, ihre Traurigkeit fernab eines Klischees auszudrücken. Und so trägt sie sie. Stumme Klöße schluckend und vehement klackernd. Sophies Welt ist hochflorig. Die Gespräche außenrum sind gedämpft. Damit sie in der Watte nicht untergeht, reckt sie ihr Kinn noch ein wenig weiter nach oben. Und sie macht laute Schritte, um allen zu beweisen, dass hier noch etwas am Leben ist. Klack. Klack. Klack.

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Autor: Anika Kaiser

Beobachtung: Eine Fotografie von Sophie Marceau, die Blumen auf den Boden wirft


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