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Abgehetzt liegt Markus auf dem Bett. Sein Atem geht noch etwas schneller, weil er die Treppen hochgerannt ist, über seiner Oberlippe hat sich ein bisschen Schweiß gebildet.

Das ist der Schweiß der Tage, denkt er.

Seit seinen Teenagerjahren bildet sich dort Schweiß, vom kleinsten bisschen Rennen, und auch manchmal ohne Rennen; einfach nur von schwierigen Gedanken, und vom Erleben dessen, was das Leben so hergibt. Er atmet drei mal tief durch und starrt an die rauchvergilbte Decke.

…Eine seltsames Phänomen, allein zu Haus Treppen hochzurennen. Viele Leute machen das. Wo doch niemand da ist, der striezt und hetzt, und es eigentlich keinen Grund gibt, zur Eile. Wenn man zu Hause ist, dann ist es eigentlich vorbei mit der Eile. Eilige Sachen werden woanders gemacht. Außer: man will eilig woanders hin. Oder: Man hat Eile von anderswo mitgebracht. Aber zu Hause sein an sich macht erst mal keine Eile. Zu Hause sein will nichts von einem, zu Hause sein ist ziemlich lässig…

Liegend steckt er sich eine Zigarette an, ascht ausversehen aufs Kopfkissen, lässt das graue Häufchen liegen, und kommt sich dabei verrucht vor.

…Woher kommt sie dann bloß, all die Unruhe, allein auf heimeligen Treppen? Es muss wohl sowas wie eine Sehnsucht sein… eine Sehnsucht nach Bewegung, nach Aufbruch… Dieses Bedürfnis nach einer ganz unkonkreten Ereignishaftigkeit irgendwo draußen in der Welt, von der man sich irgendwas verspricht, und zu der man dringend hinwill, obwohl man garnicht weiß, wo sie zu finden sein könnte, aber man weiß: zu Hause jedenfalls nicht.

Markus sieht zu seiner geschlossenen Zimmertür. An ihr klebt ein Poster von Che Guevara, die rechte obere Ecke eselöhrt schlaff herunter. Die Zimmertür hat er oft aufgemacht, um die Treppe dahinter hinunter oder herauf zu rennen, aber eine Welt, die irgendwie mit Che Guevara zu tun gehabt hätte, hat er nie betreten. Der Che-Guevara-Lifestyle ist trotzdem Programm. Markus wollte immer frei sein, verrucht, und waghalsig. Und so oder so ähnlich sehen ihn seine Freunde. Immerzu hat er Phantasien und unkonkrete Gelüste, alles mögliche auszuprobieren, und wenn man mit ihm unterwegs ist, umgibt ihn die Verheißung von einer Welt voller Möglichkeiten.

— Vielleicht mal was im Ausland machen… Irgendwann mal einen abenteuerlichen Job… Eine radikale Beziehung wie Bonny und Clyde… Mal mit Freunden was großes reißen… Irgendwas veröffentlichen, das voll einschlägt… Und sowieso muss man mit allem was man hat mal laut aufstehen für Sachen, die wichtig sind…

Schon immer hat Markus diese Gedanken, und in seiner Gegenwart fühlt es sich auch immer sehr abenteuerlich an, weil er randvoll ist davon. – Aber Markus war noch nie im Ausland. Es gab im letzten Semester einige erschwingliche Auslandsangebote, aber „erschwingliche Auslandsangebote“ klang in seinen Ohren nicht nach dem Gefühl einer wilden Reise, deshalb hat er sich nicht festgelegt, bis die Anmeldefrist verstrichen war. Markus sieht aus dem geschlossenen Fenster. Der Anblick des Sternenhimmels erfüllt ihn mit einem Gefühl der Freiheit; er ist Herrscher über ein unendliches Imperium aus Lichtereignissen.

…Astronauten oder sowas cooles werden ja wohl die wenigsten…Ob ich von einem anderen Stern aus auch all diese Sterne hier sehen könnte?…

Zum Aufnahmetest der Raumfahrtechnik ist Markus nie angetreten. Zu viele andere coole Jobs, um sein Leben an einem so unsicheren Posten festzumachen. Wer weiß, ob er überhaupt jemals eine Rakete betreten hätte?

…Werd vielleicht mal ins Planetarium gehen und mir die Sterne genauer ansehen…

Zwar hat Markus einige attraktive Frauen getroffen – aber beim Gedanken daran, seine Unabhängigkeit aufzugeben, und mit einer eindeutigen Wahl alle anderen weltweiten Kandidatinnen auszuschließen, hat er sich sofort bedrängt und unfrei gefühlt, sodass er sich dann doch nie so ganz richtig einlassen wollte.

…Wenn man durchs Teleskop guckt, vergrößert der Fokus der Linse das Sichterlebnis im Bezug auf einzelne Sterne. Aber je näher das Auge ihnen kommt, desto mehr Sternenimperium verschwindet aus dem Blickfeld. Nähe erfordert die konkrete Wahl eines bestimmten Ausschnitts… Nähe reduziert die Möglichkeiten… Nähe schränkt die Freiheit ein…

Es beginnt zu nieseln und die Tröpfchen rinnen an der Fensterscheibe herab. Hinter den Rinnsalen verschwindet der Sternenhimmel, Markus starrt die Scheibe an, bis ihm die Augen zufallen und er in einen dösenden Zustand verfällt.

Markus‘ Leben pulsiert. Er lebt im unkonkreten Rausch von Sex, Kino und Asche auf dem Kissen. – Doch wie viel Qualität hat diese Freiheit, die vom Verzicht auf Konkretisierung lebt?

…Wer sich nicht festlegt, dem stehen alle Türen offen.

Sein Atem ist ruhig geworden. Er liegt ganz still da. Markus schläft seinen verruchten Schlaf, und über seiner Oberlippe glänzt der Schweiß der Tage.  – Und morgen wird er wieder randvoll mit undefinierten Sehnsüchten die Treppe hoch und runter preschen.

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Autor: Anika Kaiser

Beobachtung: Treppenrennen


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