Titelbild mit kartoniertem Lebensgefühl gegen die transzendentale Obdachlosigkeit

Das Kaufverhalten missverstandener Teenager (Fachsprech: „Angsty“) ist der wahre Spiegel des postmodernen Westens. So etwas ähnliches hätte Nietzsche gesagt, hätte er zur Zeit seines Schaffens im Jahre 2017 gelebt. Wäre er im Jahre 2017 allerdings erst fünfzehn oder sechzehn Jahre alt gewesen, hätte er statt zu schreiben vermutlich Musik von den Twenty-Øne-PilØts gehört und tiefes Verständnis für die grenzdebile Schreibweise ihres Namens aufgebracht. Etwa fünfzehn Jahre früher hätte er „Hybrid Theory“ von Linkin Park zu seinem Lebensinhalt erklärt. In beiden Fällen hätte er Kippen geraucht, sich mit seinen Eltern gestritten und sich in der Welt isoliert, unverstanden und einsam gefühlt. Das kann ich behaupten, ohne den Mann persönlicher zu kennen, denn immerhin lassen sich in diesen Tagen ungefähr bei jeder Person in der kritischen Altersgruppe zwischen dreizehn und neunzehn Jahren Gefühle wie diese feststellen. Gefühle, die ganz selbstverständlich sind in einer Gesellschaft, die mit den narzisstischen Kränkungen am Menschsein aufwachsen muss. In unserem postmodernen 21. Jahrhundert wachsen wir obdachlos auf. Natürlich nicht im wörtlichen Sinne, unsere Häuser werden immer opulenter, unser Klima immer dekadenter und unsere Wänste immer fetter. Doch nachdem in den Köpfen unserer Kultur Typen wie Nietzsche, aber auch Kant, Feuerbach oder Albert Camus ihr Unwesen getrieben haben, wachsen wir mit einem völlig dekonstruierten Selbstbild als Menschen auf. Götter gibt es für viele nicht mehr, darüber sind wir langsam hinaus. Arbeit will der neue Lebenssinn sein, zumindest schafft sie es, Menschen ab Mitte Zwanzig gerade so genug Erfüllung (oder wenigstens genug Anlass zu meckern) zu verschaffen, dass sie ihr emotional instabiles Teenagerselbst einigermaßen zurücklassen können. Doch in dieser erniedrigenden Zeit des Erwachsenwerdens flammt all das auf, das wir weder großartig einordnen und schon gar nicht beantworten können. Und erst in den Folgejahrzenhnten kann dieses zur Seite gedrängte, unkonkrete Gefühl durch die Midlifecrisis, schwere emotionale Schläge oder den ein oder anderen Alkoholexzess in einer konkretisierten Form wieder zutage gefördert werden: Die tiefe Angst vor der Sinnlosigkeit des Lebens. Der postnihilistische Existenzialismus beseelt uns alle – die Gesellschaft ist schlau genug, das zu bemerken, aber zu blöd, um damit umzugehen.

Zum Glück wartet die Rettung am Wegesrand: Zwei Menschen, angedeutete Tanzbewegung, ein verwegenes, lebensfrohes Lächeln in einer warm beleuchteten Gasse. Bodenständig, aber dennoch ansehlich gekleidet, wunderschöne Gesichter, das Licht strahlt mild an ihnen empor und im Hintergrund deutet entfernter Glanz den Dunst und das Fernweh der Großstadt an. Auf dem immergleichen Weg zur Arbeit, zur Schule oder zum Seminar trifft man sie an, vier kleine Wände trennen sie vom deprimierend langweiligen Alltagstrott. Und in dem kurzen Moment, in dem man sich verliebt am Hafen von New York wägt, erhaben alle Mittelmäßigkeit und Belanglosigkeit des eigenen Dasein wegtanzend, brüllt die zweidimensionale Rettungsgasse uns entgegen: „Vive le Moment“! Direkt daneben prangert eine übergroße Zigarettenschachtel. In dieser Millisekunde drehen wir uns dann wieder weg, verfluchen die seichte Werbung und widmen uns wieder der schnöden Realität, einem abgenutzten Asphaltweg zwischen Unkraut und Seitenstraße. Und fühlen uns latent furchtbar dafür, nicht das Leben zu leben, dass die Popkultur uns immer wieder verspricht.

Die Popkultur ist übrigens ein Produkt des Lebensstils von unseren Brüdern und Schwestern im Westen („The west is the best“, das wusste schon Jim Morrison), die noch ein wenig größere Häuser und noch ein wenig fettere Wänste haben als wir. Verdammt kluge Typen, die in Berlin, im Silicon Valley oder sonst irgendwo Marketingstrategien aushecken, für alles und jeden. Überall lässt sich ja inzwischen ein wenig Gewinn abschöpfen, alles ist vermarktbar. Kippen verkauft man mit der Liebe, der Leidenschaft und dem Drang zur Einzigartigkeit der Kunden. Natürlich verliebt sich niemand, weil er mittelmäßige Zigaretten raucht, genau wie das Leben davon nicht intensiver oder spannender wird (bestenfalls kürzer). Aber das glaubt auch niemand. Trotzdem lässt sich irgendwann ein statistischer Anstieg der Zigarettenverkäufe der Marke mit der Kampagne feststellen, die PopkulturMarketing-Gurus klopfen sich dann auf die Schulter und ich frage mich, welche Idioten wegen so einem Schwachsinn anfangen, sich spezifischen Tabak zu kaufen. Aber im selben Atemzug dieser Frage steht in meinem Regal „Hybrid Theory“ von Linkin Park, ein Album, dass ich damals mit dreizehn erstanden habe, als ich noch das Gefühl hatte, Chester Bennington wäre der einzige Mensch auf diesem Planeten, der die selben, absolut einzigartigen Emotionen durchlebt, wie ich. Natürlich kam es insgesamt zu nicht besonders vielen tiefschürfenden Gesprächen zwischen Chester Bennington und mir, die meinem verpickelten, dreizehnjährigen Selbst wertvolle Lebenstipps mitgegeben hätten. Mein Geld hat der Kerl trotzdem. Unter anderem deshalb höre ich heutzutage kein Linkin Park mehr, sondern lese Nietzsche, bewundere das Weltbild von postmodernen Exzentrikern und schreibe Essays über die Sinnlosigkeit des Lebens mit einem prätentiös-ironischem Unterton für Kurse in einem affigen Studiengang, in dem sich Kids Donnerstag um zehn Uhr in Anzüge werfen, um sich einzureden, sie seien auf der Schnellstraße, bald auch ein verdammt cleverer Popkultur-Marketing-Guru zu sein.

Ich habe heute 5,99 für einen Burger in einem dieser pseudohippen Burgerläden ausgegeben, fünf Euro wurden automatisch an Netflix überwiesen und für eine Neuausgabe von Nietzsches Genealogie der Moral habe ich einen Zehner springen lassen. Und davon kommt wahrscheinlich nicht mal ein Cent bei dem Mann an. Ich fühle mich furchtbar und bemerke, dass ich mich nicht besser fühlen werde, wenn ich jetzt Linkin Park hören würde, nachdem der Tonträger fast ein Jahrzehnt in meinem Regal gestaubt hatte. Einzig und allein das Bewusstsein, dass sowohl die verdammt cleveren Popkultur-Marketing-Gurus als auch die Anzugkids aus meinem Seminar morgen früh an dem Werbeplakat mit den glücklichen, verliebten Menschen vorbeilaufen werden und davon träumen, auch mal verliebt in New York zu sein, tröstet mich ein wenig. Vielleicht ist das mein Fazit. Es ist im Grunde alles egal. Die Plakate verkaufen kein Lebensgefühl und keine Kippen, sie stehen einfach nur herum. Mein Essay ist eine Kurzgeschichte geworden, und am Ende des Tages werde ich das Seminar wohl auch so irgendwie bestehen. Vielleicht sollte ich anfangen, zu rauchen.
Ist das diese Persuasion, von der sie an der Uni ständig reden?

Autorenbild unterm Text Yannick

Autor: Yannik Gölz

Beobachtung: Ein Werbeplakat

 

 

 


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