Titelbild Schwindel rückwärts

Aus der Reihe: „Symptome eines verlorenen Gedankens“

Die Augen doch sehr überrascht, etwas erstaunt, vor allem wütend aufgerissen –  so vermute ich jedenfalls – betrachte ich meinen aufgebrachten Freund. Meine eigene Empörung in Gesicht und Augen strömt ein unangenehm riechender Schwall an Vorwürfen und ärgerlicherweise recht kohärenten Ausführungen meines Fehlverhaltens aus Freundes Schlund in meine Richtung. Ich bin genau so verwirrt, wie die orientierungslos schwingende Lampe an der Zimmerdecke, die, mal mich, mal den auf dem Bett sitzenden Antagonisten beleuchtet. Während ich überlege, ob ihre Bewegung wohl zu berechnen wäre, kippt das lichtgescheckte Umfeld um seine Achse und damit das Zimmer ins Schwarze.

Gemeinsam torkeln wir ins Zimmer. Während ich im verstaubten Sitzsack versinke, klingen die angeschlagenen, leeren Flaschen auf dem Fußboden aus. Mein Freund, weitere antretend und durchs Zimmer schiebend, schlägt mit dem Kopf an die Zimmerlampe bevor er aufs Bett fällt. Ich habe ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Auch ohne seine finsteren Blicke. Bevor mein Körper sein Vorrecht auf Ruhe ausleben kann, richtet sich etwas im Bett neben mir auf und beginnt mein Unrecht zu rächen.

Als die Autotüre zuschlägt, überhöfliche Entschuldigungsfloskeln mit dem Fahrer ausgetauscht werden, und sich das Gummi der Autoreifen gierig in den Asphlat gräbt, spüre ich das raue Leder meines Begleiters Jacke im Nacken. Ein Eisentor, 30 Stufen, vielleicht auch 29, keine Ahnung ob der Absatz mitzählt, und ein sich drehender Schlüsselzylinder später, stoße ich mit meiner unbelasteten Schulter ein Regal voller Altglas um, bevor ich das Licht anschalte. Ein Muster bricht sich durch die Flaschenkaskade auf das verkratzte Parkett.

In der zuvor ohnehin dämmrigen Bar läuft mir ein Schweißtropfen meine linke Schläfe hinunter. Meine geübte Hand fährt chirurgisch in meine Jackentasche, sucht und findet trotz beeinträchtigter Atmung ihres Besitzers den verschlissenen Geldbeutel und beginnt mit dessen Inhalt vor dem Gesicht des Barkeepers herumzuwedeln. Ich weiß nicht wie viel es ist. Er scheint es sehr wohl zu wissen, da seine Hand sich nunmehr um das Geld und nicht mehr um meinen Hemdkragen krampft. Mit zitternder Devotion schnappe ich meinerseits den ledernen Haufen am Nachbartisch und zerre ihn durch bemalte Türen in die Nacht und ins nächste Taxi. Das Geld dafür borge ich mir von meinem beinahe unbeweglichen Mitbringsel. Ich sehe scheinbar seinen misstrauischen Blick nicht. Auf der Fahrt erbreche ich mich fast ausschließlich aus dem Fenster.

Am Ende des Abends sind wir nur noch zu zweit. Nicht dass wir uns dazu bewusst entscheiden, aber wir suchen die letzte uns bekannte und noch offene Bar auf. Wohl eher eine Spelunke. In der letzten Stunde vor Feierabend wird wohl jeder Gast mit mehr oder weniger offensichtlichem Missfallen begrüßt. Mit diesem trunkenen Gedanken entschließe ich mich nicht weiter aufzufallen. Genau das misslingt recht spektakulär, als sich das Aushängeschild der Bar und zugleich ganzer Stolz des bulligen Barkeepers, eine für meinen Geschmack doch recht geschmacklose, persische Lampe zwischen mir und der kahlen Wand entzweit. Durch den von Glasscherben durchwirkten Funkenregen des zerrissenen Glimmdrahtes sehe ich brüllende Blicke im Halbdunkel. Was ich höre, ist den Barkeeper. Während ich am Kragen gezogen eine Schneise durch die Glassplitter ziehe, verwerfe ich den Gedanken an irgendeine moralische Vernunft zu appellieren. Mir fällt ein, ich habe Geld.

Nach langem verbalen Zerren lasse ich mich dazu überreden, mein ruhiges Heim zum Preis einer nächtlichen Gesellschaft unter Freunden zu verlassen. Da meine Zugverbindung unerbittlich unflexibel ist, breche ich mein Musizieren ab, breche ich die fixe Idee einer Melodie und die damit verbundene furchtbar kräftezehrende Arbeit der Notation auf Notenpapier ab, breche ich aufkommende Zweifel an der bevorstehenden Unternehmung ab, breche ich an einem Stahlgeländer auf dem Weg zur Bahn den Flaschenhals des ersten Bieres auf. Mir fehlen Feuerzeug und Flaschenöffner. Während ich versuche mir nicht die Lippen aufzuschlitzen, nehme ich mir vor, mir zumindest den symmetrischen Gedanken der Melodie zu merken. Immerhin werde ich heute einen alten Bekannten wiedersehen, den ich lange gemisst, an den ich in letzter Zeit viel Gedacht habe. Er wird mir mein Kommen sicher rechtfertigen und danken. Im Laufschritt Richtung Zug und Abendgestaltung denke ich über meine auffallend ausgewogen geratene Melodie nach. Die lässt sich doch sicher umkehren?

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Autor: J.H.Z.

Beobachtung: Ein Artikel über Gedächtnis und die Strukturen des Erinnerns


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