Merry Christmas (2)

Kinderquietschen, Altherrengeraune, Bäumerascheln; ich sitze auf meiner Parkbank.
In der Ferne sehe ich Phil, meinen 5-Jährigen, er stopft sich Gänseblümchen ins Ohr. Als er sieht, dass ich gucke, ruft er „Schau! Schau mal, Mama, wie viele da reinpassen!“. Ich denke „unmöglich…“, finde es aber irgendwie gut, muss kurz schmunzeln, und gucke weiter.

Da drüben: Alte Männer, die Boccia spielen. Einer zielt, mit konzentrierter Zunge im Mundwinkel, die anderen sehen tief in den Wurfprozess versunken zu. Der Alte wirft, die stille Spannung mündet in ein OOOUUUUHHH, daraufhin grummelnde Analyse der Balllage, und wieder auf Anfang. Ich schließe die Augen und lausche den Wellen der Bocciageräusche.
Stille – OOOUUUUHHH – Grummeln – Stille – OUUUUHHH – Grummeln – Stille – OOOUUUUHHH – …

„Phil, zieh deine Käppi an“ brülle ich über die weite Wiese.
Ich bin ein bisschen neurotisch in dieser Hinsicht, seit eine andere Mutter mir damals in der Kleinkindergruppe ein bisschen süffisant geraten hat, mir doch mit einer Windel zu helfen, wenn ich bei solchem Sonnenschein keine Mütze zur Hand habe. Ich bin mir sicher, sie hat das nicht gut gemeint. Mutter sein heißt nämlich nicht, es mit anderen Müttern gut zu meinen. Mutter sein heißt, ein Klischee zu erfüllen, eine Rolle. Und wenn hier einer denkt, es geht um die Rolle, die eine Mutter gegenüber ihrem Kind einnimmt, dann ist das weit gefehlt. Mutter sein heißt, ein bestimmtes gesellschaftliches Rollenbild einer Mutter auszufüllen, und das hat mit der Tatsache des Gebärens oder mit der Tatsache, dass man danach Kinder erzieht, eigentlich gar nichts zu tun. Dieses Gebären und Kinder haben ist lediglich ein Randbestandteil des Mutterseins, der den Wendepunkt einer gesellschaftlichen Betrachtung im Leben einer Frau markiert. Und davon handelt das Mützenprinzip. Wenn Mütter anderen Müttern gut gemeinte Mützen-Ratschläge erteilen, dann definieren sie damit ihre eigene Zugehörigkeit zum Klischee der guten Mutter. Und eine Mutter, die in dieser Hinsicht beratschlagt werden muss, ist eine zweifelhafte Mutter, und eine Mutter, die sich diesen Ratschlägen ohne gute Begründung nicht beugt, ist eine schlechte Mutter. Nicht weil das Kind bei 15-minütiger Sonneneinstrahlung gefährdet wäre. Sondern weil eine Klischee-Mutter immer auf Sonnenschutz achtet. Dieses Phänomen zieht sich durch diverse Bereiche: Wer macht den leckersten Kartoffelsalat beim Frühlingsfest? Wer näht das schönste Kostüm? Wer plant den besten Kindergeburtstag, backt den besten Kuchen? Wer hat die adäquateste Art, Grenzen zu setzen? Wer hat die meisten Ehrenämter, die komfortabelste Stilleinlage, das frischeste Gemüse? Es gibt viele Gelegenheiten Ratschläge zu verteilen, um die Zugehörigkeit zum Klischee einer kompetenten Mutter auszudrücken und anderen diese Zugehörigkeit damit abzusprechen.
Ich habe Phil damals keine Windel auf den Kopf gesetzt, und so wurde ich durch einen Schwall weiterer gut gemeinter Ratschläge zu einer zweifelhaften Mutter. Und die Sonnenexpertin, von der ich keine Ahnung habe, welche Beziehung sie zu ihrem Kind pflegt, wurde zu einer guten Mutter. Danke für den Tipp mit der Windel.

Phil schnappt sich sein Käppi und zieht von dannen – er hat Margeriten gesichtet.
Ich drifte gedanklich wieder in die andere Welt ab, in der es darum geht, eine Mutter zu sein.

Es gibt auch angenehmere Seiten an der Mutter-Rolle. Zum Beispiel:
Wenn ich abends ausgehe, muss ich auf dem Weg in meine Lieblingsbar durch so eine Gasse, in deren Schatten angetrunkene Machos ihr Ego gerne größer verkaufen als es ist; vor plumpen Anmachen und unangenehmen Kommentaren kann man sich dort kaum retten. Das liegt nicht an meiner hübschen Nase. Es sind die Schatten, das noch nicht auskompensierte kleine Ego von tagsüber, das Angetrunkensein und die überraschende Erfahrung, dass zwei Kilo Parfum für einen Aufriss am frühen Abend halt doch nicht gereicht haben. Aber, ich habe eine verbale Wunderwaffe, und die geht so: „Pardon, ich habe Kinder“. Wenn ich das sage, dann schrumpfen die Schatten, das Ego schmilzt, und aus Machoaugen strahlt wohlwollende Nächstenliebe, und auch ein bisschen Scham. „Oh. Entschuldigung.“ murmelt die Gasse dann, und ich kann den Ego-Friedhof als Heilige durchschreiten. In diesem Fall ist die Mutter-Rolle wirklich hilfreich, denn die Klischee-Mutter ist heilig, sie wird nicht aufgerissen. Aber ich frage mich schon, wer eigentlich dieses paradoxe Klischee erfunden hat, dass ausgerechnet denjenigen Frauen, die ihr Verhältnis zu Penissen ja wohl am schlechtesten leugnen können, eine Art unbefleckte, schützenswerte Reinheit unterstellt wird. Aber ich bin ja auch eine zweifelhafte Mutter, was weiß ich schon.

Die alten Männer sammeln ihre Boccia-Kugeln ein, es ist Zeit vergangen, die monotonen Strukturen rufen tonlos Abendbrot und Nachrichten aus. Ich frage mich, worum es bei diesem Boccia-Spiel eigentlich geht, und ob es wirklich so viel zu konzentrieren, zu staunen und zu analysieren gibt. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich liegt ein geselliger Mehrwert in dieser Stille, dem OOOUUUUHHH und dem Analyse-Grummeln.
Aber am Ende hat doch der gewonnen, der seine Kugel am nächsten am Pallino platziert, und der Sieger ist nur in Bezug auf den Pallino zweifelhaft. Das ist wirklich fair. Ich glaube, Boccia ist mein Sport.

Phil kommt auf mich zugerannt. Ich erkenne ihn schon aus weiter Entfernung, weil er beim Rennen immer so lustig mit den Armen wedelt.
„Mama! MAAAAMA! Wenn wir gehen sollen, dann musst du Peace zeigen, drei mal klatschen und laut rufen ‚Los-los-los-wir gehen ganz famos!‘, okeeeeeeeeeeee???“
„Oh man Phil, hast du mal geguckt, wie viele Menschen hier rumlaufen? Das wird mir ja ganz fürchterlich peinlich sein!“
Aber Phil ist schon wieder weggewedelt, deswegen sehe ich mich nach einer Weile schelmisch um, mache das Peacezeichen, klatsche dreimal und rufe etwas verhalten „Los, los, los – wir gehen ganz famos!“ Da kommt er kichernd zurück, und als er ganz nah bei mir ist, fragt er „Und Mama, wie peinlich war das jetzt?“. Und ich kichere zurück: „Ziemlich. – Aber da drauf kommt es gar nicht an.“

autorenfoto-unterm-text-rund-anika

Autor: Anika Kaiser

Beobachtung: Boccia im Park, Mütter daneben


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s