Marda (5)

Peter sieht sehr beige aus. Er hat ein aufgedunsenes Gesicht.
Er sitzt in einer schummrigen 0-8-15-Kneipe, vor 15 Minuten hat er sich ein Bier bestellt, aber es ist noch nicht da. Ungeduldig trommelt er mit seinen Fingerspitzen auf die klebrige Tischplatte. Peter konsumiert gerade nicht, und ohne diesen Zusammenhang zu bemerken, macht ihn das unruhig. Seit Jahren nimmt Peter zu. Und Peter nimmt auch viel auf, aber teil nimmt er nicht, und schon überhaupt nicht Anteil.

…Das hat damit zu tun, dass alle Schnösel sind. Und Besserwisser. Und AfD-Wähler, und Gutmenschen, und Choleriker, und Verheiratete. Und sowieso sehen immer alle so angestrengt aus. Da drüben sitzen sie, der ganze Stammtisch ist da…

Früher hat er sie beneidet. Um ihre Geselligkeit. Irgendwann hat Peter bemerkt, dass sie sich nicht zuhören.

…Es geht darum, wer am lautesten röhrt, wer die brachialste Geschichte erzählt. So viel Mühe, obwohl der Wettkampf nur im Kopf des Erzählenden passiert. Die anderen hören nicht zu, sie sind mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigt…

Peters Blick driftet weg vom Stammtisch, und fällt auf die abgegriffene Getränkekarte; aber er ist so sehr in Gedanken, dass die Buchstaben vor seinen Augen verschwimmen. -Er muss an ein Buch denken, das er früher mal gelesen hat. Über funktionelle Vernunft. Es handelt davon, dass Menschen ihre Vernunft im Sinne ihrer Begierden instrumentalisieren, und nicht im Sinne objektiv konstruktiver Pläne, oder objektiv rationaler Fakten.

…Hallo Aufklärung…

Er schnaubt ironisch.

…-Aber Vernunft als Selbstzweck, wer braucht das schon… Weltfremde Prinzipienreiterei… -Platon vielleicht, der hätte so ein Bestreben gut gefunden… -Andererseits,  Spaß hatte der bestimmt nicht…

Platon der Kopfmensch. Platon der Weltentfremdete. Peter empfindet kurz so etwas wie Brüderlichkeit, und weil es Platon ist, mit dem er sich verbrüdert, auch so etwas wie Erhabenheit.

…Aber wie echt kann eine Verbrüderung mit Platon sein? -Was ist überhaupt “echt”?…

Und nach einigen schwermütigen Blicken in die abgestandene Barluft denkt er:

…Echt ist immer das, was man sich so vormacht. Echt ist ein Witz.

Peter lehnt sich zurück, fühlt sich sitzend abgestanden. Wie immer ist da Frust, aber zu wenig für so einen richtigen Aufruhr. Innen ist alles halb-laut, so halb-laut, wie Wasser lauwarm ist, und dieses Halblaute erreicht die Umgebung nicht. Er wartet darauf, dass sein Bier gebracht wird, und es ist nicht ganz klar, was passiver ist: das Bier, oder Peter, oder das Beige, das er trägt.

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Autor: Anika Kaiser

Beobachtung: Einer der auf sein Bier wartet, während ich über das Verhältnis von Konsum und Engagement nachdenke


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