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Ein Wissenschaftler proklamiert seine Thesen vor nüchterner Gesellschaft:
„Nun gibt es gewisse Menschen, die ihrer Natur und Einstellung gemäß, der Realität einen festgelegten Raum, eine Art Spielwiese zuweisen, welche nach ihrer Beschaffenheit sehr groß und komplex, vielleicht auch gut durchdacht sein mag, die aber nicht umhin kann, ihre Grenzen ab und an zur Schau zu stellen. Ein solcher Mensch weist, falls es ihm nötig erscheint, die Realität in ihre Schranken, teilt sie in klar abgegrenzte Bereiche ein und ist sich in manchen Fällen nicht zu schade, gewisse, man nenne sie „Realitätsbereiche“ zu ignorieren oder gar zu verleugnen. Nun könnte man argumentieren, dass ein solcher Umgang mit dem Konzept Realität ihr möglicherweise nicht gerecht wird, aber sinnvoll und notwendig ist, um Ordnung in den Gegenstand Leben zu bringen, um in gewisser Hinsicht ein geistiges Gleichgewicht zu wahren. Diese Auffassung findet sich in Religionsgemeinschaften, in absolutistischen Glaubensrichtungen, ja im Glauben selbst wieder. Eine aufopfernde Liebe zu alten Gleichnissen und atavistischen Symboliken bestimmen Raum und Zeit solcher Menschengruppen. Das Gleichnis aber darf niemals mit einem Beweis verwechselt werden, es ist Trugschluss, der letzte Ausweg nach gescheiterter Argumentation. Glaubt mir, wenn ich euch sage, dass dem so ist! Man stelle sich nur vor, dass nunmehr eindimensionale Menschen nach wie vor nach sogenanntem geistigen Ausgleich streben. Wer muss denn einen Punkt balancieren?! Der Mehrdimensionalist muss gleich einem Sternenhimmel die Waage halten! Ich selbst war stets dazu geneigt, mich als weitestgehend bis gänzlich geistig unverwandt mit diesen Menschen zu betrachten. Meine Wirklichkeit verlor demnach bereits sehr früh ihren kategorischen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und gewann gleichsam mehrere Dimensionen untrennbar hinzu. Jene, die solche fabelhaft bereichernden Dimensionen nicht besaßen waren mir daher verständlicherweise beinahe schon verhasst. Sie waren und sind allzu selbstgerecht, allzu rigoros in Ansicht und Überzeugung, allzu befriedigt mit ihrer kleinen Lebe- beziehungsweise Scheinwelt, allzu fremdorientiert. Schlicht, allzu dimensionsarm. Es ist daher unsere heilige Pflicht und gerechtfertigte Verantwortung von uns Weltenwandlern, die Richtigkeit meiner, unserer Thesen zu untermauern und unangreifbar zu machen, auf dass sie ihren angestammten Platz unter all den falschdeuterischen, namentlich ketzerischen Thesen einnehmen! Sie müssen die gezogenen Gräben fluten und den Blick auf die Wahrheit freigeben, nicht auf den Vordermann. Wer ist mit mir? Wer erkennt die unverkennbare Richtigkeit meiner Worte? Ihre bebende Macht?!“

Schreie und Rufe reißen Löcher in die Luft: „Unsere Wirklichkeit ist mehr als ein Punkt!“ „Wir sind der Sternenhimmel!“ „Alles ist richtig und hat Berechtigung! Wer das Gegenteil behauptet, liegt falsch!“ „Im Namen der Wissenschaft, der gerechten Wahrheit!“
Im folgenden Applaus ging sie unter.

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Autor: J.H.Z.

Beobachtung: Eine Vorlesung


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