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Björn saß guckend und blinzelnd am Küchentisch, und betrachtete die gewohnte Umgebung. Seine Brille saß leicht schief, und es war nicht eindeutig zu ersehen, ob sich dieser Zustand seiner ungleichmäßigen, knöchrigen Nase, oder den unterschiedlich hohen Ohren verdankte. Auch sein dünnes, hellblondes Haar machte seltsame Anstalten. Allzu oft drückte es sich so schwunglos an seinen Kopf, dass dieser ziemlich platt wirkte. Diesem Zustand versuche Björn dann entgegenzuwirken, indem er mit der Hand hindurchfuhr. Das Resultat war jedoch stets nicht einmal halb so verrucht, wie beabsichtigt, und es standen nach dieser Geste nur etwa 2 oder 3 Strähnen in eine unrechtmäßige Richtung gestreckt vom Kopf ab, während der Rest wieder in seine gewohnt platte Position zurücksank.

Björns Blick blieb an der Obstschale hängen, Bananen lagen darin, kolumbianische. Konzentriert stellte er sich einen weißen Faden vor, der sich von den Bananen über den Küchentisch, aus dem Küchenfenster hinaus, durch den Vorgarten, die beruhigte Straße entlang, in Luftlinie bis zu einer kolumbianischen Bananenplantage spannte. Er kniff die Augen zusammen. Sich eine Linie durch die halbe Welt zu denken, ist ziemlich schwierig, wenn man es richtig macht; und Björn war ein sehr korrekter Mensch. Immer wieder unternahm er Versuche, sich durch kleine Rebellionen gegen seine eigene Ordentlichkeit zur Wehr zu setzen, um unter seinen Mitmenschen nicht wie so ein Mathematiker dazustehen. Ganz in diesem Sinne hatte er seine salonfähigen Lederschuhe vor kurzem gegen moderne Turnschuhe eingetauscht, und die alte elegante Einheit seiner Treter mit den Bügelfalten seiner grauen Chinohose, war zu einem Kontrast geworden. Aber all solche Unternehmungen konnten weder seinen etwas steifen Bewegungen, noch seiner akkurat gestutzten Gartenbegrenzungshecke, oder seinem korrekt gebügelten, karierten Kurzarmhemd entgegenwirken, und es blieb bei Björns Anblick immer ein etwas biederer Eindruck bestehen.

Nachdem der gedachte Bananenfaden gespannt war, wandte sich Björns Blick den Äpfeln zu – regionale Äpfel – und wieder spannte er gedanklich einen hellen Faden von den Äpfeln, aus der Küche hinaus, bis zur örtlichen Obstwiese. Ebenso verfuhr er mit dem Tisch, hier führte der Faden von der Küche über den Produktionsort Litauen bis zum Herkunftsort des Holzes in einem russischen Urwald. Es folgten weitere Schnüre für die einzelnen Bestandteile des Kühlschranks, des Wischmopps, einer Packung Spaghetti, der Spülmaschine, (…) und des Brotkorbs, bis alle für Björn sichtbaren Objekte mit einem Faden zu seinem Ursprungsort hin versehen waren. Björn war froh, dass er, nach dem ausführlichen Vergleich mehrerer Wetterberichte, am Morgen die Küchenjalousie herunter gelassen hatte, weil seine persönliche Prognose bezüglich der empfundenen Durchschnittstemperatur, unter Einbezug von Wind, Höhendruck, Wolkendichte, Luftfeuchtigkeit und psychologischen Faktoren, exakt 31,83726 Grad, und eine direkte Sonneneinstrahlung aufs Küchenfenster zwischen 8:19Uhr und 12:37Uhr ergeben hatte. So hatte Björn nun einen ungeblendeten Blick auf das Netz aus imaginären, weißen Fäden, das sich in seiner Küche bündelte.

Manchmal machte Björn so etwas auch, wenn einer seiner Mitmenschen eine besonders emotionale Reaktion auf ein Ereignis zeigte, und er sich nicht so richtig erklären konnte, was es mit dieser Emotion, oder mit diesem Affekt – man muss da differenzieren! – nun eigentlich auf sich hatte. Dann dachte er sich lange Ursache-Wirkungs-Ketten rückwärts, ausgehend vom aktuellen Geschehnis. Und weil so ein Geschehnis zumeist von ausnehmend vielen Faktoren bestimmt wird, und Björn großen Wert auf Vollständigkeit legte, spann sich in solchen Momenten auch von mentalen Gegenständen ausgehend ein engmaschiges Netz aus weißen Ursache-Wirkungskette-Fäden.

Konzentriert besah Björn das Netz in seiner Küche. Jede Bewegung konnte für Irritation sorgen, man kennt das von diesen Zeitschrift-Labyrinthen, bei denen es mehrere Ausgangspunkte gibt, und nur ein Weg zum Ziel führt. Den richtigen Weg gilt es zu ermitteln, indem man mit dem Finger die unterschiedlichen Wegoptionen nachfährt. Dabei muss man sehr achtgeben, dass man die ursprüngliche Route an einer Kreuzung mit einem alternativen Weg nicht versehentlich verlässt. Wehe man blinzelt! So dachte Björn in dieser Endphase seines Netzkonstruktion über jedes Blinzeln ausgiebig nach, und wog seinen Nutzen ab. Gerade als er dabei war, die neuesten physiognomischen Blinzel-Argumente zu verrechnen, hörte er ein leises summen, und spürte im Moment in dem es verstummte ein zartes Kitzeln auf seinem linken Ohr.

„Culex pipiens“ schoss es Björn durch den Kopf, und eine kleine Panik erfasste zuerst seinen Brustkorb, erklomm den Hals, erklomm auch den errötenden Kopf und brach schlussendlich als winzige Schweißperle aus seiner Stirn hervor. In einer aufschlussreichen Nacht hatte er einmal nach langem Abwägen beschlossen, dass Culex pipiens die weitaus angebrachtere Bezeichnung für eine Stechmücke ist. Nicht weil Björn ein Wortakrobat war, oder weil er sich gern schlau gab. Sondern weil pipiens von pipire kommt, was „piepen“ heißt; und das gibt die Leiden die die Stechmücke verursacht, einfach viel prägnanter wieder. Vereinfachungen wie „Stechmücke“ sind unnötig irreführend!

Björn hielt das imaginäre Fadenbündel weiter mit seinem Blick fest. Jetzt bloß keinem biologischen Reiz nachgeben, das zerstört das ganze Konstrukt! Vor lauter Anstrengung trat ein zweiter Schweißtropfen aus seiner Stirnhaut hervor. Alles in Björn wollte das abwischen, sich kratzen, die Culex pipiens verscheuchen – aber er hatte hier jetzt ein Projekt, und der allerschwierigste Part stand bevor, deshalb hielt er einfach die Luft an. Langsam, ganz langsam versuchte Björn, sich eine neue Perspektive zu imaginieren. Was vorher lauter weiße Schnüre waren, die sich von den Küchen-Gegenständen hin zu ihren Ursprüngen spannten, versuchte er nun von oben zu betrachten. Das geht natürlich nicht in Wirklichkeit, weil man ja als Mensch immer viel zu klein ist, für so eine echte Draufsicht. Und so neigte Björn eben imaginierend – langsam – sehr langsam – so langsam, dass dabei kein Faden entgleitet- seinen Blickwinkel hin in eine Vogelperspektive…

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Endlich. Alles an Björn atmete durch, wurde warm. Sogar die kleine Denkerfalte, die sich auf seiner Stirn festgekrampft hatte, löste sich in entspannter Glätte auf. Er fühlte sich geordnet, aufgefangen: Die präzise gespannten Fäden waren von oben betrachtet so engmaschig, dass die Welt darunter beinahe nicht mehr zu sehen war. Das Fadenkonstrukt war zu einem gigantischen Sicherheitsnetz geworden, mit einem so engen Raster, dass nicht einmal der unscheinbarste, kleinste Mensch hindurchfallen könnte. Tiefen Fall gab es jetzt nicht mehr, alles hatte hier einen bestimmten Platz. Einige Minuten verharrte Björn so, um sich sein Netz einzuprägen und das Geborgenheitsgefühl zu konservieren.

Er würde einen guten Tag haben. Einen Tag, der mit Sicherheit durchdrungen war. Und er wusste, dass alles was sonst noch auf ihn zukam nur einen weiteren Faden in seinem Netz bedeutete. Und dass, auf paradoxe Art, jedes neue verunsichernde Ereignis zu seiner Sicherheit beitragen würde.

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Autor: Anika Kaiser

Beobachtung: Eine Postkarte mit einem geometrischen Muster

Für meinen Mathelehrer P.B.


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