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Mit suchendem Gefinger und Durst durchdrungenen Blicks heftete die junge Frau sich an den jungen Mann. Froh und erquickt, endlich da zu sein, zierte ein Lächeln ihren Kopf. Er werde da sein, für sie allein, für ihr Dasein ganz allein… Das hieß es doch, angekommen zu sein: Gefahr laufen, des Andern lebenden, pochenden Körper zu verschlingen, derart, dass sich jede Pore paart vor Angst. Knochen keilten sich ineinander, die schwitzende Haut schmatzte ein lüsternes Lied, man tropfte und triefte und schnaubte und schniefte.

Als Durst wie Tastdrang jedoch nur seicht befriedigt schienen, höhlten diese die Frau nur mehr aus. Ihr Gesicht verknitterte sich daraufhin finster; etwas undankbar, als verheimlichte man ihr etwas. Mit Gram verbrämter Miene das Näschen rümpfend witterte sie plötzlich mehr Leere und ihr Bauch klagte hohl: ein Trauerspiel. Frustriert ließ sie von ihrem Mann ab, strich in sich versunken über Bauch und Nabel. Ihr Geduldsfaden verlor sich zusehends in einzelnen Fasern, was sich in ihrer zunehmenden Zerstreuung spiegelte. Sie suchte doch. Und suchte doch am richtigen Ort! Versprochen hatte man es ihr; dort, in ihm, fein versiegelt wie ein Geheimnis!

Wieder gefasst führte sie andächtig und behutsam die Glieder um sein Fleisch: Die Augen zusammenkneifend, lauschend, hin und wieder kniend, auch um ihn herumgehend und –tänzelnd. Dabei lag eine Strenge in ihrem Verhalten, als folge sie einem Ritus. Vielleicht war es aber auch eine bloße Strenge gegen sich selbst – man wusste es nicht. Jedenfalls äußerte sich diese in einer Hingebung, die jedem Künstler sicher beneidenswert schiene.
In seinem Bann fühlte sie selbst sich aber nur gelockt, gar zur Suche genötigt und schließlich über magere Funde in Verzweiflung gedrängt. Schwermütig oder nervös – auch das war schwer zu sagen – taumelte das Weibchen weg von seinem Körper, stolperte weiter in einen dunklen Winkel ihrer Höhle. Mit einem simplen Brecheisen gerüstet wendete sie sich ihm entzückt wieder zu. Sie schlich gerissen, in ihrem salzigen Schweißkostüm funkelnd, um den großen Mann herum, schliff das Eisen funkensprühend über den Boden und biss kokett ihre Lippe.
Er nickte ihr bedeutsam zu, hieß sie, seiner Hand zu folgen und wies erstmals auf eine geheimnisvolle Naht in seiner Leistengegend hin. Von diesem Zeichen in Ekstase versetzt, legte sie das Werkzeug gierig unter des Mannes wartendem Zeigefinger an. Trotz ihrer Weiblichkeit oder eher kraft ihrer Menschlichkeit brachte sie genügend Eifer auf, den Mann zu öffnen. Es knackte unbedeutend und derselbe zerfiel wie eine Matrjoschka; ein weiteres, kleineres Männchen offenbarend. Davon in größere Ekstase getrieben, setzte sie erneut an der bekannten Naht an und öffnete auch dieses Exemplar, aber dafür mit leiserem Knacken. Sie jauchzte.

Später kauerte das Weibchen inmitten des abermals entzweiten, entmystifizierten Männchens und umschlang verzweifelter denn je ihre angewinkelten Knie. An der Seite des verbliebenen Matrjoschka-Kerns, dem kleinsten Mann, gebar ihr verborgenes Gesicht ein peinliches Schluchzen. Unwissend versuchte der kleinste Mann sie zu trösten.

autorenbild-unterm-text-hakim

Autor: Dein Lieblingsnachbar
Beobachtung:  Eine Matrjoschka


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