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Wie doof das eigentlich ist, punktuell langläufige Entscheidungen zu treffen. Der Entscheidungsprozess sollte mindestens so lang dauern, wie die Zeit, in der man die Entscheidung danach dann auch tatsächlich lebt. Dann würden die Zeitdimension des Entscheidens und die des Auslebens nämlich weniger gegeneinanderkrachen. Auf dem Sprungbrett funktioniert das: 3 Sekunden entscheiden, 3 Sekunden springen, das nenne ich Entscheidungszeitmanagement. Da ist nichts verzerrt. In den 3 Sekunden der Sprungbrettentscheidung kann ich die 3 Sekunden des Sprungs wunderbar geistig vergegenwärtigen, und das Risiko kalkulieren.

Mit der immergleichen Mechanik dreht sich Viktors Schlüssel im Schloss herum, und reißt mich aus meinen Gedanken. Ungefähr erfreut schlendere ich zur Haustür, etwa auf halber Strecke kann ich ihn schon riechen. Viktor ist Anlagenmechaniker. Er arbeitet bei einem Unternehmenskoloss, dem Energiekonzern EnBW: Zuverlässig – günstig – flexibel – kombiniert mit einem erstklassigen Service. Er trägt ein olivgrünes Shirt zur grauen Arbeitshose. Den Schmutz darauf, Schweiß und Feinstaub, sieht man erst auf den zweiten Blick, denn die Flecken haben keine klaren Umrisse. Viel mehr entsteht aus dem Gesamtanblick ein ungenauer Eindruck einer gewissen Hygienelosigkeit.
Viktors dunkles Haar sieht struppig aus, so, als ob er sich in einem beiläufigen Moment mit ölverschmierten Fingern hindurch gefahren wäre.
Vage erinnere ich mich daran, dass ich das alles mal verrucht gefunden habe, und daran, wie hingerissen ich war, vom Kontrastspiel seiner rohen Gesichtszüge mit dem immerkindlichen Blick seiner blauen Augen.
Viktor sollte duschen, dringend. Augenscheinlich, und gerochen gesehen sowieso, aber er küsst mich. Dann geht er ins Wohnzimmer, routiniert, und ich folge ihm, elanbefreit.

Bemüht frage ich nach Viktors Tag, aber als er erzählt, rauscht mein Gedankenkarussell. Ist „Hygiene“ eigentlich was Physisches? Wieso wäscht er sich nicht? Was sagt das über mich aus, wenn das für mich ein so ausschlaggebendes Kriterium für eine gelungene Begegnung ist? Gibt es eigentlich einmanngroße Desinfektionsspraydosen, um alles was hier so willkürlich rumkeimt mal ordentlich ins Nirvana zu verfrachten? Und was hat das Nirvana mit mir zu tun?
Ich höre ihm nur bedingt zu, aber er sieht darüber hinweg. In meinen heimlichen Gedanken nenne ich diese Eigenschaft „Edelmut im kleinen Stil“, und ich meine das überhaupt nicht zynisch. Wir leben nun mal in einem fortgeschrittenen Evolutionsstadium, in dem es schon lange nicht mehr ums Überleben geht. Gut möglich, dass der „Edelmut im kleinen Stil“ das moderne Kriterium für den Fortbestand unserer Art ist.

Viktors Tag war ereignislos, und das will ausführlich kommuniziert werden.
Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein ENBW-Prospekt. Halb Viktor, halb dem Papier zugewandt, beiläufig nickend, lese ich ein paar Zeilen:


Die EnBW Strom-Tarife

Unsere Gewohnheiten Strom zu nutzen ändern sich, der Stromverbrauch steigt tendenziell und die Ansprüche an unsere Umwelt wandeln sich. Dies bedarf Stromtarife, die sich den aktuellen Entwicklungen in unserem Leben und im Energiebereich anpassen.


Ich finde alles mit Viktor ein bisschen ekelig. Nicht so sehr, dass es etwas auszusprechen gäbe, eher so, wie wenn man beim Essen ein bisschen weniger Appetit hat, so habe ich auf Viktor als Mensch und Erscheinung eben manchmal öfter weniger Appetit. An Appetitlosigkeit ist noch niemand vergangen, denn Appetitlosigkeit ist nicht Leukämie, alle Gliedmaßen funktionieren ordnungsgemäß, und weil Appetitlosigkeit eben keine ernstzunehmende Krankheit ist, gibt es dagegen auch keine Arznei – Appetitlosigkeit ist harmlos, keinen Appetit zu haben ist an Harmlosigkeit nicht zu übertreffen.

Mein Blick streift Viktors graue Hose, am Gürtelbund baumelt ein Namensschildchen „Viktor Hecht“, daneben der EnBW-Slogan: „Energie braucht Impulse“. Sein Bericht ist zu Ende, semi-anteilnehmend lächle ihn an, edelmütig zwinkert er zurück.

„Ich habe heute darüber nachgedacht, den Stromanbieter zu wechseln“ sage ich.
Viktor ist irritiert: „Ist was nicht in Ordnung?“
Ich zucke die Achseln. „Doch. In Ordnung schon.“

Wenn sich beim Sprung ins Schwimmbecken jemand eine Gehbehinderung zuzieht, finden das alle unfair. Das liegt daran, dass man dem Springer zugesteht, dass er in den 3 Entscheidungssekunden unmöglich diese langwierigen Konsequenzen berücksichtigen konnte, weil die Zeitspanne der Auswirkung die Zeitspanne der Entscheidung unglaublich weitreichend übertrifft.

In Beziehungen ist das anders. Sich in einer kurzen Zeitspanne, die sich jeder Analytik entzieht, für eine Liebesbeziehung zu entscheiden, das nennt der Volksmund nicht Ungerechtigkeit.
-Das ist Romantik.

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Autor: Anika Kaiser  

Beobachtung: die ENBW-Homepage


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